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Kritik: Neruda (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Das ungewöhnlich-originelle Biopic "Neruda" des chilenischen Filmemachers Pablo Larraín ("El Club", "Jackie") feierte seine Premiere bereits im Mai 2016 auf der Quinzaine des Réalisateurs in Cannes. Das Werk, dessen Drehbuch von Guillermo Calderón stammt, zeichnet einen Abschnitt im Leben des Dichters und Schriftstellers Pablo Neruda (1904-1973) nach – und poetisiert dabei überaus virtuos die Wirklichkeit. Auf diese Weise kommt es dem Œuvre des Porträtierten erstaunlich nahe und ist weniger ein Film über Neruda als vielmehr ein Film in feinstem Neruda-Stil.

Das Produktionsdesign ist exquisit; dennoch ist "Neruda" nicht in erster Linie ein period piece, welches sich für die genaue Erfassung historischer Ereignisse interessiert. Larraín und sein Team erzeugen durch eine dynamische Kameraführung sowie durch eine unberechenbare Montage, eine intensive Ausleuchtung und eine wuchtige musikalische Gestaltung eine sehr reizvolle, surreal anmutende Atmosphäre. Unvermittelte Schauplatzwechsel im Verlauf von Dialogen sorgen für Irritationen, während der Einsatz von Rückprojektionen bei Fahrtaufnahmen das Artifizielle der Inszenierung noch verstärkt. Nicht zu kurz kommen bei all dem jedoch die konzentrierten und ernsthaften Momente, etwa in einer Verhörsituation oder wenn Neruda von einer Frau auf die Widersprüche des Kommunismus hingewiesen wird.

In der Titelrolle liefert Luis Gnecco eine herrliche, zwischen Hedonismus und Kampfgeist, Mut und Müßiggang schwankende Performance eines Helden, der seine Flucht mit literarischem Witz bestreitet, indem er Bücher an den Orten hinterlässt, an denen er sich aufgehalten hat. Als perfekte Leinwandpartnerin erweist sich Mercedes Morán: Sie verleiht der argentinischen Malerin Delia del Carril, die ihrem Lebensgefährten (zunächst) in den Untergrund folgt, die nötige Mischung aus Noblesse und Intelligenz. Mit einer besonderen Tragikomik kann sich indes der gewohnt starke Gael García Bernal ("Die Reise des jungen Che") hervortun. Der von ihm verkörperte, zur Obsession neigende Polizeipräfekt, der das Geschehen schon vor seinem ersten Erscheinen in der Handlung via voice-over auf höchst eigenwillige Art kommentiert, muss allmählich erkennen, dass er lediglich eine Nebenfigur in der Geschichte des von ihm verfolgten Autors ist. Im Finale des Werks kommt es zu einer wunderbaren Wendung, die "Neruda" endgültig zu einem kinematografischen Meisterstück macht.

Fazit: Zugleich politisch und lyrisch, klug und humorvoll: ein Film, der dem Werk und Wirken des Protagonisten vollauf gerecht wird und zudem ein superbes Ensemble zu bieten hat.




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