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Kritik: Violently Happy (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Mit dem Dokumentarfilm "Violently Happy" legt die 1981 in Caracas geborene Regisseurin und Kamerafrau Paola Calvo, die in Madrid ein Medienwissenschaftsstudium an der Universidad Complutense absolvierte, ihr Abschlusswerk an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb) vor. Sie widmet sich darin einer Gruppe von Menschen, die sich mit alternativen Lebens- und Liebesformen befassen und sich in einem kontrollierten Rahmen mit ihren gewalttätigen Impulsen und damit einhergehenden sexuellen Bedürfnissen konfrontieren. Dieser Rahmen wird durch die schwelle7 geschaffen – einen Ort in Berlin am Spreeufer, den der Gründer Felix Ruckert an einer Stelle des Films als "Theater der Intimität" bezeichnet. Die Räumlichkeit ist (beziehungsweise war bis Mai 2016) Ruckerts Wohnzimmer und zugleich eine Stätte für diverse Workshops sowie Performances und BDSM-Sessions mit heißem Kerzenwachs, Peitschen und zahlreichen sex toys.

Dank der ruhigen Kameraführung gelingt es, eine bemerkenswerte Nähe zu den Beteiligten zu erzeugen. Statt talking heads auf konventionelle Weise einzufangen, filmt Calvo die Sprechenden oft im Liegen, wie diese ganz zwanglos miteinander plaudern und dabei ihre Gedanken und Gefühle austauschen – oder auch während einer Tätigkeit, etwa beim Backen. Solche Passagen demonstrieren die Vertrautheit, die sich zwischen der Filmemacherin und deren Protagonist_innen entwickelt haben muss. Die Äußerungen von Ruckert oder der als Sexual- und BDSM-Coach arbeitenden Mara Morgen lassen uns tiefe, interessante Einblicke in deren Lebenswelt gewinnen – und machen deutlich, dass diese weit entfernt ist von Mainstream-Fiktion wie "Fifty Shades of Grey". In einem Gespräch mit einer Redakteurin geht Morgen zudem mit reflektierten Worten auf die Vorbehalte und Vorwürfe ein, die etwa von feministischer Seite gegen das Praktizieren von BDSM und die dabei stattfindende Dominanz und Unterwerfung vorgebracht werden.

Den expliziten Sequenzen des Werks – wenn die Kamera zum Beispiel einer Peitschen-Session zwischen Ruckert und Morgen oder sexuellen Begegnungen zu zweit oder in der Gruppe beiwohnt – haftet nichts Voyeuristisches an. Auch hier wird stets erkennbar, dass es den Teilnehmenden um (Selbst-)Erforschung und das Ausleben von Fantasien, um kreativen Ausdruck sowie das Spannungsfeld zwischen Gewalt und Glück an einem von Vertrauen geprägten, familiären Ort geht.

Fazit: Eine wunderbar unaufgeregt gefilmte dokumentarische Betrachtung, die sich dem BDSM-Kosmos und einigen Akteur_innen mit Feingefühl zuwendet.




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