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Alice und das Meer
Alice und das Meer
© Film Kino Text © Die FILMAgentinnen

Kritik: Alice und das Meer (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

In ihrem Langfilmdebüt "Alice und das Meer" demonstriert die Regisseurin Lucie Borleteau ein beachtliches Gespür für das Milieu, in dem sie ihre Geschichte verortet: Mit ihrem Kameramann Simon Beaufils fängt sie die Arbeit auf einem Frachtschiff in dokumentarisch anmutenden Bildern ein, während sie als Drehbuchautorin (gemeinsam mit Clara Bourreau und Mathilde Boisseleau) von einer selbstbestimmten, jungen Mechanikerin erzählt, die sich in einem männerdominierten Beruf behaupten muss. Borleteau schildert mit genauem Blick den Alltag an Bord, insbesondere im Maschinenraum – und befasst sich dabei auch mit den (teilweise recht albern wirkenden) Ritualen, durch die das Leben auf hoher See sowie die kurzen Aufenthalte in diversen Häfen zu einer Parallelwelt mit ganz eigenen Regeln werden. Eine mystisch-melancholische Ebene entsteht überdies durch die Tagebucheinträge des verstorbenen Vorgängers der Protagonistin Alice. Die Todesumstände des älteren Mannes bleiben im Unklaren; dessen Seebestattung zählt indes zu den vielen interessanten Szenen des Films.

Bemerkenswert ist nicht zuletzt der Gender-Aspekt, dem sich "Alice und das Meer" widmet: So gehören amouröse Abenteuer in den Häfen für die männliche Crew völlig selbstverständlich zur Tätigkeit in der Handelsmarine dazu; als Frau kann sich Alice diese Freiheit nach Ansicht ihrer Kollegen allerdings nicht erlauben, ohne dadurch ins Gerede zu geraten. Alice erfährt eine gewisse Ausgrenzung; auch gegen einen sexuellen Übergriff muss sie sich wehren. All dies wird nicht auf übertrieben-melodramatische, sondern glaubwürdig-realistische Weise vermittelt. Ebenso dient die Affäre, auf die sich Alice mit ihrem verheirateten Ex-Freund und Vorgesetzten Gaël einlässt, nicht dazu, einen Soap-Nebenstrang im "Grey's Anatomy"-Stil einzuflechten. Vielmehr wird hier – unaufgeregt, aber nicht spannungslos – ein ernsthafter und nachvollziehbarer Konflikt aufgebaut, dem sich die Heldin dieser Odyssee zu stellen hat.

Ariane Labed (demnächst in "Assassin's Creed" zu sehen) wurde 2014 auf dem Festival del film Locarno für ihre Darbietung der Hauptrolle zu Recht als beste Schauspielerin prämiert; sie verleiht ihrer Figur eine reizvolle Mischung aus Orientierungslosigkeit und Entschlossenheit und lässt die Intelligenz sowie Kompetenz von Alice erkennen. Melvil Poupaud ("Laurence Anyways") und Anders Danielsen Lie ("Oslo, 31. August") wissen als gegensätzliche Männer in Alice' Leben ebenfalls zu überzeugen. "Alice und das Meer" ist ein Film mit vielschichtig gezeichnetem Personal sowie komplexen Beziehungen.

Fazit: Eine präzise Milieustudie, die gekonnt Akkuratesse mit einem Hauch von Melancholie verbindet und sich durch realitätsnah entwickelte Figuren sowie ein begabtes Ensemble auszeichnet.





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