VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder

Kritik: Sparrows (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

"Sparrows" ist der zweite Langfilm des 1977 geborenen Isländers Rúnar Rúnarsson. Das Werk feierte im Herbst 2015 auf dem Toronto International Film Festival seine Premiere und konnte seither auf zahlreichen Festivals überzeugen; unter anderem gewann es die Goldene Muschel auf dem Festival de cine de San Sebastián. Kaum verwunderlich ist es daher, dass das Jugenddrama als isländischer Beitrag ins Rennen um den nächsten Oscar für den besten nicht-englischsprachigen Film geht. Zu den Qualitäten, die Rúnarssons Schöpfung weit über den Durchschnitt des coming-of-age-Kinos heben, zählt die einnehmende Bildsprache: Mit seiner Kamerafrau Sophia Olsson, die zum wiederholten Male mit ihm zusammenarbeitet, fängt Rúnarsson die Schönheit, aber ebenso die Elegie der Berglandschaften ein; überdies gelingen den beiden äußerst treffende Aufnahmen, die den emotionalen Zustand des jungen Protagonisten Ari und/oder die Beziehungen zwischen den Figuren wunderbar einfangen – so etwa in einer frühen Szene, in der wir uns mit dem missmutigen Ari unter der Bettdecke verstecken, während die Mutter des Teenagers nur zu hören ist. Auch das traurig-zärtliche Schlussbild ist perfekt gewählt und prägt sich ein. Der Score von Kjartan Sveinsson trägt in einigen Momenten noch gekonnt zur melancholischen Atmosphäre bei.

Die Vater-Sohn-Beziehung, die Rúnarssons Drehbuch zeichnet, mag zunächst recht plakativ anmuten: auf der einen Seite der machohaft-raue, trunksüchtige Vater, der seinen Sohn zur Robbenjagd mitnehmen will, auf der anderen Seite der schlaksige, unschuldig-schüchtern wirkende 16-Jährige, der im Kirchenchor singt und sich mit großen Kopfhörern von der Außenwelt abkapselt. Im Laufe der Handlung kommt es jedoch zu etlichen, sehr interessanten Brüchen, durch die alle Hauptfiguren zu nuancierten Charakteren werden. "Er versteht mich nicht besser als ich ihn", meint der Vater Gunnar an einer Stelle; dennoch schaffen es die beiden, sich näherzukommen und in wichtigen Augenblicken füreinander da zu sein – auch wenn Rückschläge und Enttäuschungen nicht ausbleiben. Ingvar Eggert Sigurðsson ("Von Menschen und Pferden") wird in der Vaterrolle nie gänzlich zum Antagonisten; vielmehr zeigt sich die Tragik in Gunnars Leben, die es dem geschiedenen Mann immer wieder schwer macht, sich (wie er es selbst formuliert) "zusammenzureißen" und seine zweite Chance, eine Bindung zu Ari aufzubauen, zu nutzen.

Hauptdarsteller Atli Oskar Fjalarsson gab sein Debüt im Jahre 2008 in Rúnarssons vielfach prämiertem 15-Minüter "Smáfuglar", welcher bereits diverse Motive des erschütternden letzten Akts von "Sparrows" enthält. Abermals liefert der Jungstar eine berührend-intensive Performance, in der sowohl der Wunsch nach Geborgenheit und Anerkennung als auch die adoleszente Wut glaubhaft zum Ausdruck kommen, zum Beispiel wenn sich Ari in sein altes, zum Verkauf stehendes Elternhaus schleicht und ein zorniges Telefonat mit seiner Mutter führt. Rúnarsson beweist in seiner Schilderung von Jugend ein gutes Gespür; die Szenen, in denen die örtlichen Heranwachsenden am Lagerfeuer sitzen und Alkohol aus Plastikflaschen trinken, haben etwas Authentisches, das bis zum Ende des Films erhalten bleibt.

Fazit: Eine großartig bebilderte, feinfühlig erzählte Geschichte über das Erwachsenwerden, die obendrein mit einem talentierten Hauptdarsteller aufwarten kann.





Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.