VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder
El Rey de Habana
El Rey de Habana
© Cine Global Filmverleih

Kritik: El rey de La Habana (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Vielen Politromantikern gilt Kuba bis heute als letztes Bollwerk des Sozialismus. Welch harte Realität sich hinter dem morbiden Charme alter Straßenkreuzer und bröckelnder Altbauten verbirgt, zeigt Regisseur und Drehbuchautor Augustí Villaronga in seiner kongenialen Romanverfilmung "El rey de La Habana". Wie Pedro Juan Gutiérrez' Vorlage nimmt auch deren Adaption die kubanische Wirtschaftskrise der 1990er-Jahre tragikomisch in den Blick. Der Regierung des Inselstaats missfiel das, weshalb sie Villaronga eine Drehgenehmigung verweigerte. Dass der Filmemacher stattdessen in der Dominikanischen Republik auf Motivsuche ging, fällt kaum ins Gewicht. Seinem Kameramann Josep M. Civits gelingen auch in Kubas Nachbarschaft atemberaubende Einstellungen.

Augustí Villaronga, der mit seinem Langfilmdebüt "Im Glaskäfig" (1986) Publikum und Kritik gleichermaßen faszinierte wie verstörte, bleibt seinen Themen auch in "El rey de La Habana" treu. Für die problematische Kindheit seiner Hauptfigur, für Armut, Tod und das frühe Erwachen der Sexualität findet der gebürtige Mallorquiner drei Jahrzehnte nach seinem Erstling jedoch einen ausgesprochen komischen Ton. In all die Verderbtheit und sexuelle Spannung dieser Welt mischt sich immer wieder feine Ironie, beißende Satire und alltägliche Absurdität. Dabei schlägt sich Villaronga stets auf die Seite seiner Figuren. Das Publikum lacht mit ihnen, nicht über sie.

Bei aller Komik ist "El rey de La Habana" ein Film, auf den sich das Publikum einlassen muss. Pedro Juan Gutiérrez' Kuba ist auch durch Augustí Villarongas Augen eines, in dem jeder Einzelne sein Wohl skrupellos über das Gemeinwohl stellt. Die Geschlechterrollen – der Machismo der Männer ebenso wie die zutiefst ambivalente Selbstbestimmung der Frauen – wirken aus westlicher Sicht zunächst befremdlich. Auch Villarongas mäandernde Erzählweise, die zwar immer bei ihrem Protagonisten bleibt, aber auch große Lücken lässt, in denen entscheidende Nebenfiguren schon einmal aus dem Blick geraten, verlangt den Zuschauern einiges ab. Wer davor nicht zurückschreckt und sich im Kinosessel fallen lässt, wird mit einem wunderschön fotografierten, herausragend gespielten, bittersüßen Drama belohnt.

Fazit: Augustí Villarongas kongeniale Romanverfilmung "El rey de La Habana" ist ein visuell wie erzählerisch ausuferndes, pulsierendes und quicklebendiges Drama. Wer auf nüchternen Sozialrealismus steht, ist Fehl am Platz. Hier ist alles etwas übertrieben. Den materiellen, sozialen und moralischen Verwerfungen eines gebeutelten Landes begegnet Villaronga stets tragikomisch.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.