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Train to Busan
Train to Busan
© Splendid Film © 24 Bilder

Kritik: Train to Busan (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der Zombie hat einen langen Weg hinter sich. Ursprünglich ein verfluchter, als Sklave missbrauchter Scheintoter, verkörpert er heute in der Regel einen Untoten, von dem eine Bedrohung für die Menschheit ausgeht. Mit George A. Romeros "Die Nacht der lebenden Toten" (1968) hielt die Sozialkritik Einzug. Seit Danny Boyles "28 Days Later" (2002) können die sonst gemächlich schlurfenden Wesen auch pfeilschnell sein; und in Mark Forster "World War Z" (2013) brachen sie in riesigen Wellen über ihre Opfer herein. Das Subgenre ist längst auch in Asien angekommen. Sang-ho Yeon bedient es 2016 gleich zweimal – und vereint alle Elemente seiner Vorgänger.

Bislang war der 1978 in Seoul geborene Regisseur und Drehbuchautor ("King of Pigs", "The Fake") im Animationsfilm unterwegs. Von Kinderkram sind seine gezeichneten Welten, in denen es um Mobbing, Missbrauch und Morde geht, weit entfernt. "Train to Busan" ist Yeons erster, ziemlich blutiger Ausflug in den Realfilm, der seine Premiere während einer Mitternachtsvorführung bei den Filmfestspielen in Cannes feierte. Inhaltlich ist er eng an Yeons animierten "Seoul Station" geknüpft. Beide waren 2016 beim Fantasy Filmfest zu sehen. Während "Train to Busan" mit dem wohlsituierten Seok-woo (Yoo Gong) und dessen kleiner Tochter Soo-an (Soo-an Kim) in einen Hochgeschwindigkeitszug voller Zombies steigt, erzählt "Seoul Station" die Vorgeschichte derselben Epidemie.

Yeons Sicht auf sein Heimatland ist düster. Die Unzufriedenheit der Masse, die sich mittlerweile in den Protesten gegen Staatspräsidentin Geun-hye Park ganz real auf den Straßen manifestiert, wabert bereits durch Yeons fiktive Zombieschocker. In "Train to Busan" bilden seine Reisenden einen Querschnitt dieser Gesellschaft. Es ist eine, in der Schlipsträger mehr zählen als Menschen ohne Anzug, Männer mehr als Frauen, Junge mehr als Alte. Als sich kurz nach Ausbruch der Epidemie im Zug zwei Lager bilden, muss sich Seok-woo für eine Seite entscheiden. Der entsetzte Blick seiner Tochter weckt schließlich doch so etwas wie Menschlichkeit in diesem kühl kalkulierenden Karrieristen. Ab hier erzählt Yeon dann recht klassisch die Geschichte vom geläuterten Sünder. Mitleid mit den Schwachen sollte das Publikum in Yeons Kino dennoch nicht erwarten.

Dieser Klassenkampf im Zug erinnert in seiner Grundkonstellation an den Film eines anderen Südkoreaners: Joon-ho Bongs "Snowpiercer" (2013). Yeon geht seine Sache aber weit weniger stilisiert an als sein Landsmann. Visuell kann sich "Train to Busan" dennoch sehen lassen. Make-up und Effekte überzeugen. Wenn sich die Passagiere von Abteil zu Abteil kämpfen, in Toiletten verschanzen oder vor gesichtslosen Massen um ihr Leben rennen, hat Yeon das Nervenkostüm seiner Zuschauer perfekt im Griff. Seine Kritik an der südkoreanischen Gesellschaft, an deren Leistungsdenken, Egoismus, festgefahrenen Hierarchien und der mangelnden Solidarität ist zwar ab und an recht plakativ, dafür bis zum Schluss kompromisslos und äußerst bissig.

Fazit: "Train to Busan" erfindet den Zombiefilm nicht neu, bietet aber gut erzähltes und technisch versiertes Genrekino. Sang-ho Yeons Generalabrechnung mit der südkoreanischen Gesellschaft ist zwar wenig subtil, dafür bissig, düster und bis zum Schluss hoch spannend.




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