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Kritik: Marija (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Regisseur Michael Koch wirft in seinem Langfilmdebüt einen Blick auf die Ränder der Gesellschaft. Während in anderen deutschen Film- und Fernsehproduktionen soziale Brennpunkte samt prekärer Arbeitsverhältnisse meist nur einen Nebenschauplatz bilden, rückt Koch deren Bewohner ins Zentrum seines Dramas. Vor Marijas (Margarita Breitkreiz) Wohnhaus in der Dortmunder Nordstadt versammeln sich jeden Morgen die Tagelöhner. Der umtriebige Cem (Sahin Eryilmaz) vermittelt sie an windige Geschäftsleute wie den Bauunternehmer Georg (Georg Friedrich). Vom Arztbesuch ohne Krankenversicherung bis zum Behördengang regelt Cem in seinem Viertel alles – und kassiert kräftig dafür ab. "Ziehst du sie nicht ab, ziehen sie dich ab", erklärt Cem Marija, die er für seine Geschäfte einspannt, nachdem sie ihren Job als Zimmermädchen in einem Hotel verloren hat.

Bernhard Kellers Kamera ist dicht an den Figuren, begleitet Marija auf ihrem Weg durch das ehemalige Arbeiterviertel, in dem Menschen aus 130 Nationen leben, und zeigt sie dabei häufig nur von hinten. Der Einsatz von Laiendarstellern in den Nebenrollen verstärkt den dokumentarischen Stil. Auch in den Dialogen ist der Fokus ganz auf die Titelheldin gerichtet, die sich durch ein Milieu bewegt, in dem Männer für Gefälligkeiten stets eine (sexuelle) Gegenleistung erwarten. Selbst in Streitgesprächen schneidet Michael Koch nur selten auf Marijas Gegenüber. Deren Emotionen sind dann lediglich zu hören, zu sehen bekommt das Publikum stattdessen Marijas Reaktion. Das führt zu manch ungewöhnlicher Einstellung und einfallslosen Auflösungen von Szenen. Wiederholt werden Köpfe von Gesprächspartnern nur an- oder ganz abgeschnitten, Figuren schlecht vor der Kamera positioniert und münden Szenen in nichtssagenden Ansichten, wenn eine Figur einfach aus dem Bild geht.

Kochs Blick auf die Dortmunder Nordstadt bleibt auch erzählerisch authentisch. Vom Mord und Totschlag sozialer Brennpunkte in den üblichen Fernsehkrimis ist "Marija" weit entfernt. Die Entscheidungen und Wendepunkte im Leben der Protagonistin sind allesamt nachvollziehbar, dadurch aber auch recht vorhersehbar. Dass der Film dennoch nicht langweilt, ist neben dem stark aufspielenden Sahin Eryilmaz und einem gewohnt souveränen Georg Friedrich vor allem Hauptdarstellerin Margarita Breitkreiz zu verdanken, die das Drama allein mit ihrem entschlossenen Gesichtsausdruck trägt. Am Ende zeigt die Kamera Marija auf ihrem Weg durchs Viertel nicht mehr von hinten, sondern von vorn. Sie zeigt eine Frau, die allen Widerständen zum Trotz ihren eigenen Weg geht.

Fazit: Michael Kochs Langfilmdebüt erzählt von den Armen, Abgehängten und Ausgenutzten unserer Gesellschaft. Im Zentrum steht eine starke Titelheldin, die sich entschlossen ihren Weg bahnt und sich erfolgreich übergriffiger Männer erwehrt. "Marija" überzeugt dabei weniger durch seine formalen Mittel als vielmehr durch einen präzisen Blick auf die Verhältnisse und durch kraftvolle Darsteller.





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