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Paradies
Paradies
© Alpenrepublik GmbH Filmverleih

Kritik: Paradies (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Andrei Konchalovskys Karriere ist ebenso lang wie abwechslungsreich. Seit mehr als einem halben Jahrhundert macht der 1937 in Moskau geborene Drehbuchautor und Regisseur Film, Fernsehen, Theater und Oper. Er schrieb Drehbücher für Andrei Tarkowski, drehte vom Regime gefeierte und zensierte Filme und emigrierte in den 1980ern schließlich in die USA. Dort inszenierte er Actionfilme und Komödien wie "Runaway Train", "Homer und Eddie" und "Tango und Cash", bevor er nach dem Fall des Eisernen Vorhangs in seine Heimat zurückkehrte. "Paradies", der bei den Filmfestspielen von Venedig 2016 den Silbernen Löwen für die beste Regie erhielt, ist ein weiteres Beispiel, dass sich Andrei Konchalovskys Filme inhaltlich wie formal nur schwer einordnen lassen.

Konchalovskys jüngstes Werk ist eine strenge Versuchsanordnung. Dokumentarisch anmutende Verhörsituationen wechseln sich mit Spielszenen ab. Letztere bebildern die in Ersteren vorgetragenen Erinnerungen. Die schmalen, schwarz-weißen Einstellungen im historischen 1:1,33-Format lassen den Figuren nur wenig Platz. Dementsprechend inszeniert Konchalovsky mehr in die Tiefe, ordnet Schauspieler und Requisiten durchdacht und bedeutungsvoll auf drei wohl komponierten Bildebenen an. Durch Türen und Fenster gerahmt erscheinen die drei Hauptcharaktere wiederholt wie Gefangene der Zeit und ihrer Umstände, letztlich aber immer ihrer bewussten Entscheidungen. Auf klassische Filmmusik verzichtet Konchalovsky dabei komplett. Die einzigen Klänge, die vor dem Abspann zu hören sind, entspringen direkt der Handlung.

Während Philippe Duquesne und besonders Julia Vysotskaya beeindruckende Leistungen abliefern, agieren die deutschen Darsteller allzu gern wie auf einer Theaterbühne. Ähnlich eng wie das Format sind auch die Charaktere des Films umrissen. Der alternde, opportunistische Kollaborateur, die Widerstandskämpferin und der junge, glühende Nationalsozialist – die Figuren lassen wie manche Mono- und Dialoge ihre Konstruktion und belehrende Funktion etwas zu sehr erkennen und überzeugen dadurch nicht vollkommen.

Insgesamt gelingt dem Altmeister jedoch ein erstaunlich dichtes Alterswerk, das den Nationalsozialismus und den Holocaust abseits des üblichen Hollywoodkitsches nüchtern und bedrückend verhandelt. Durch die Dilemmata, in die "Paradies" seine drei Hauptakteure (wiederholt) wirft, stellt sich auch das Publikum die Frage, wie es sich in vergleichbaren Situationen entschieden hätte. Eine Antwort darauf überlässt der Regisseur seinen Zuschauer allerdings nicht, wenn er ganz am Ende die Doppeldeutigkeit seines Titels offenbart und sich dadurch zum moralischen Richter aufschwingt.

Fazit: Andrei Konchalovskys "Paradies" ist eine nüchterne, künstlerisch anspruchsvolle Versuchanordnung, die die Schrecken des Nationalsozialismus ohne den üblichen Hollywoodkitsch vermittelt und moralisch klar Position bezieht. Dabei leidet das sehenswerte Drama allerdings etwas an seiner Überkonstruiertheit.





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