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Der die Zeichen liest
Der die Zeichen liest
© Neue Visionen

Kritik: Der die Zeichen liest (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Das Werk "Der die Zeichen liest" feierte seine Premiere im Mai 2016 auf dem Festival de Cannes in der Sektion Un Certain Regard. Es basiert auf Marius von Mayenburgs Theaterstück "Märtyrer", welches im Februar 2012 auf der Schaubühne am Lehniner Platz in Berlin uraufgeführt wurde. Der Regisseur und Drehbuchautor Kirill Serebrennikov verlegt die Geschichte um christlichen Fundamentalismus ins kontemporäre Russland – nach Kaliningrad (einstmals Königsberg), die Geburtsstätte des großen Philosophen und Aufklärers Immanuel Kant. Dabei gelingt dem Filmemacher eine überaus spannungsreiche Mischung aus Coming-of-Age-Drama und böser Satire auf fanatisch-religiöses Verhalten, vor allem aber auf die Hilflosigkeit vermeintlicher Autoritäten im Umgang mit diesem. Düstere Situationen der verbalen sowie physischen Gewalt und absurder Witz wechseln sich oft sehr abrupt ab; nicht immer wird hierbei der richtige Ton getroffen – im Gesamten ergibt sich jedoch eine interessante, äußerst herausfordernde Seherfahrung.

Erschreckend ist der "Kreuzzug" des adoleszenten Protagonisten Venya nicht zuletzt deshalb, weil dieser sich auf tatsächliche Bibelstellen beruft: Die Verse, die der Schüler mit erbittertem Ernst von sich gibt, werden stets mit Quellenangabe eingeblendet – womit Serebrennikov uns vor Augen führt, dass sich (auch) die christliche Heilige Schrift ohne Weiteres dazu missbrauchen lässt, um etwa die Ehescheidung oder das sexuelle Begehren zwischen Männern als Sünden zu verdammen. Sowohl Venyas Wahn als auch die Reaktionen seines Umfeldes werden überspitzt, manchmal beinahe burlesk dargestellt, haben aber eine intensive Wirkung. Dies liegt zum einen an den klug komponierten Aufnahmen, in denen Serebrennikov und sein Kameramann Vladislav Opelyants den Mikrokosmos Schule sowie das Leben in Kaliningrad einfangen. Zum anderen liegt es an den Figurenbeziehungen, die über ein beachtliches Potenzial verfügen. Das Skript spart biografische Hintergründe der Beteiligten weitgehend aus; "Der die Zeichen liest" ist weniger eine Analyse als vielmehr die wuchtig-forsche Präsentation einer hochexplosiven Versuchsanordnung.

Pyotr Skvortsov hat als selbst ernannter Missionar und (Hass-)Prediger eine schaurige Präsenz; der junge Schauspieler wirft sich erstaunlich furchtlos in diese schwierige Rolle. Die Szenen mit Yuliya Aug als Venyas Mutter sind von schmerzhafter Komik; Viktoriya Isakova ist als atheistische Biologielehrerin im Alleingang gegen die Tiraden und Aktionen des Teenagers ein überzeugender Gegenpart. Zu den eindringlichsten Passagen gehören indessen die Momente zwischen Venya und seinem schüchternen "Jünger" Grigoriy, dem Alexander Gorchilin die nötige Tragik verleiht.

Fazit: Ein provokanter Genre-Mix über religiösen Fanatismus – erschütternd und verstörend, irrwitzig und fies. Die Kameraarbeit sowie die schauspielerischen Interaktionen sind gelungen.




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