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Erbarme Dich! - Die Matthäus Passion
Erbarme Dich! - Die Matthäus Passion
© Salzgeber & Co

Kritik: Erbarme Dich! - Die Matthäus Passion (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

"Wenn es jemanden gibt, der Bach alles verdankt, dann Gott": Dieser Satz von E.M. Cioran könnte auch als eine Kernaussage dieses Dokumentarfilms gelten, der ihn zitiert. Die Kreuzigung von Christus und die Klagen der Gläubigen, die sie begleiten, werden in Johann Sebastian Bachs Matthäus-Passion so bewegend intoniert, dass auch Atheisten beim Hören plötzlich das Gefühl haben können, die Essenz des christlichen Glaubens zu begreifen. Der niederländische Regisseur Ramón Gieling spürt in seinem stilistisch kreativen Dokumentarfilm den Tönen nach, die dieses vor 290 Jahren entstandene Werk in den Seelen seiner Zuhörer anklingen lässt. Mehrere seiner Gesprächspartner, die künstlerisch tätig sind, erzählen auch davon, wie die Matthäus-Passion ihnen zu einem besseren Verständnis ihrer selbst verhalf.

Der deutsche Kinostart erfolgt passend in der Karwoche, denn am Karfreitag wird die Matthäus-Passion traditionell aufgeführt. So regen die herrlichen Arien, die in diesem Film vorgetragen werden, dazu an, sich das Bachsche Meisterwerk wieder einmal komplett anzuhören. Die Zuschauer werden hier aber auch auf Aussagen stoßen, deren philosophische Tiefe sie überzeugt oder die sie aus eigener Erfahrung teilen können. So setzt sich der Opernregisseur Peter Sellars mit der Frage auseinander, warum diese Musik das menschliche Unterbewusstsein so sehr berührt und den Menschen im Umgang mit eigenem Schmerz und Leid hilft. Während einer Arie forscht die Kamera in den Gesichtern der zuhörenden Obdachlosen. Sie wirken bewegt und strahlen eine sanfte Würde aus. So erinnert die Szene auch an die Bibelstelle, in der Christus die Mühseligen und Beladenen zu sich ruft.

Einige Künstler, wie der Dirigent Leusink, erzählen von ihrem zwiespältigen Verhältnis zur Religion und zur Kirche. Auch die Bilder, die der Filmemacher wählt, weisen wiederholt über den Glauben hinaus ins Philosophische. Archivaufnahmen, kleine Spielszenen, die fließenden Schnitte, das Spiel mit Licht und Schatten bei den Darbietungen in der verlassenen Kirche treten in einen Dialog mit der Musik. Es kommen auch Künstler zu Wort, die sich von der Matthäus-Passion zu modernen, verfremdeten Versionen und Performances inspirieren ließen. Nicht alles, was auf diese Weise zusammengetragen wird, überzeugt. Aber Vielfalt und kreative Offenheit sind hier Programm.

Fazit: Der Dokumentarfilm des Niederländers Ramón Gieling stellt Überlegungen zur zeitlosen Ausdruckskraft der Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach an. Musiker und andere Künstler sprechen über die Wirkung des Oratoriums und seiner Arien, die in vielen Menschen eine existenzielle Saite zum Klingen bringt. Die zum Teil persönlichen Erzählungen und die kreative visuelle Gestaltung des Films setzen sich anregend mit der Musik, aber auch mit den Themen Glauben, Trauer, Trost auseinander. Obwohl die Vielfalt in Wort und Bild nicht immer überzeugt, gibt es außer schönen Musikdarbietungen auch anregende, tiefgründige Gedanken zu entdecken.




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