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Wien vor der Nacht
Wien vor der Nacht
© Salzgeber & Co

Kritik: Wien vor der Nacht (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Das Leben seines Urgroßvaters diente dem Regisseur des Films, Robert Bober, als Aufhänger zu einer Reise in die kulturell wohl prägendste und wichtigste Zeit der österreichischen Hauptstadt der letzten Jahrhunderten: in die 10er- und 20er-Jahre des 20. Jahrhunderts. Viele der damals in Wien lebenden Künstler und Intellektuellen waren Juden. Mit der Machtergreifung der Nazis in Deutschland, wurde der Druck auf sie immer stärker. Bis 1938, dem Jahr des Anschlusses, der Holocaust langsam aber sicher auch in Wien bzw. ganz Österreich, ankam – und damit das Ende der goldenen kulturellen Ära einläutete. Filmemacher und Autor Bober, der einige Zeit mit Francois Truffaut zusammenarbeitete, hat bis heute an rund 140 Dokumentationen mitgewirkt. Seit 1933 lebt der in Berlin geborene, heute 85-jährige Künstler in Frankreich.

Geschickt verknüpft Bober das Persönliche mit dem Politischen, sprich: die eigene (Familien-)Geschichte mit der objektiven filmischen Aufarbeitung der kulturellen Blütezeit Wiens. Er kombiniert u.a. dokumentarische Elemente wie (seltene) Bewegtbild-Aufnahmen und Fotos aus dem Wien jener Zeit mit privaten Familienbildern, die seinen Großvater zeigen. Bober versucht dabei stets, den Bogen von seiner Familiengeschichte zum großen Ganzen zu schlagen. Das große Ganze: die möglichst genaue Darstellung der kulturellen Blütezeit Wiens. Zumeist gelingt dies Bober ausgesprochen gut, vor allem da er Zugang zu dutzenden historischen Briefen und wichtigen Archiven hatte. Dies macht er sich geschickt zunutze.

Besonders eindringlich werden die Atmosphäre und Stimmung der goldenen kulturellen Ära in einem Briefwechsel zwischen den Schriftstellern Arthur Schnitzler und Stefan Zweig, deutlich. Die beiden Intellektuellen tauschten sich über Jahre ausgiebig über das Leben und Treiben in Wien aus, fast 300 Briefe schrieben sie sich. In den letzten Briefen warnen sie einander vor den möglicherweise dramatischen Folgen der aufkeimenden faschistischen, antisemitischen Bewegungen in Europa. Sie sollten Recht behalten. Gut ist auch, dass Bober sich die Mühe machte, einige zentrale Orte der damaligen Zeit zu besuchen, in denen sich zumeist das künstlerische Leben abspielte: die Kaffeehäuser. Damit verdeutlicht er die zentrale Stellung und Bedeutung dieser ganz speziellen "Gaststätten" als Zentrum kulturellen Schaffens.

Ab und an aber nimmt die Familiengeschichte im Film zu viel Raum ein. Und allzu viel bleibt im Vagen, denn viele Äußerungen von Bober, das Leben seines Großvaters betreffend, beruhen lediglich auf vagen Theorien und Vermutungen. Sätze wie "Hier könnte sich der Großvater aufgehalten haben" oder "Ich sehe meinen Großvater, wie er in diesem oder jenem Kaffeehaus sitzt", häufen sich vor allem in der zweiten Hälfte. Darüber hinaus mag der Film aufgrund der anspruchsvollen Thematik für den (lediglich allgemein an Geschichte interessierten) Zuschauer vermutlich zu komplex und akademisch erscheinen. Insofern eignet sich das Werk vor allem für speziell an der Historie Wiens und am kulturellen Leben der Stadt im frühen 20. Jahrhundert, interessierte Zuschauer.

Fazit: Vielschichtige, informative Zeitreise zurück in die goldene Kultur-Ära Wiens im frühen 20. Jahrhundert. Entstanden ist ein solides, anspruchsvolles Doku-Essay für den interessierten Zuschauer, bei dem letztlich aber zu viel auf Vermutungen und Annahmen, basiert. Vor allem hinsichtlich der rekonstruierten Wiener Jahre des Urgroßvaters.





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