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Ein Deutsches Leben
Ein Deutsches Leben
© Salzgeber & Co

Kritik: Ein Deutsches Leben (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Eine der federführenden Regisseure des Films, der Pomsel auch selbst häufig für den Film interviewte, war Olaf S. Müller. Müller selbst ist Historiker, zudem studierte er Philosophie in Berlin und Göttingen. Bis heute realisierte er zahlreiche TV-Produktionen für Sender wie MDR und 3Sat. Dabei war Müller nur einer von vier Regisseuren von "A german life". Die Dokumentation erlebte ihre Premiere im April 2016 beim Filmfest im französischen Nyon. Die deutsche Premiere fand wenig später beim Münchener Filmfest statt. Begleitend zum Film, erschien auch ein Buch gleichen Namens. Pomsel verstarb am 27. Januar 2017, im Alter von 106 Jahren – es war der Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz.

"A german life" ist eine beachtliche, bemerkenswerte Doku. Ein Film, der nun vielleicht erst einmal einen Schlusspunkt unter jene (Kino-)Dokus setzt, die Interviews mit Zeitzeugen – bzw. mit Personen, die direkt mit der NS-Führungsriege zusammenarbeiteten (siehe z.B. "Im toten Winkel") – in den Mittelpunkt rücken. Denn Pomsel war eine der letzten Überlebenden, die den NS-Polit-Apparat aus nächster Nähe und tagtäglich erlebte. Die sogar aktiv darin mitwirkte und für sein Funktionieren mitverantwortlich war, zumindest für den braunen Propaganda- und Volksaufklärungs-Apparat. Nun ist auch Pomsel tot aber zum Glück konnten die Filmemacher sie zuvor noch dazu bewegen, ihre Erinnerungen und Einschätzungen mitzuteilen.

"A german life" unterscheidet sich deutlich von massentauglichen TV-Dokus á la "ZDF-history". Hier fehlen einordnende, erklärende Off-Kommentierungen sowie Wissenschaftler oder Historiker, die das von Pomsel Geäußerte in einen größeren Zusammenhang bringen und bewerten. Der Zuschauer wird selbst zum Reflektieren aufgefordert, zum Nachdenken und Bewerten. Das stellt mitunter eine große Herausforderung dar, macht aber auch einen großen Reize dieser Doku aus. Rund 80 Prozent der Laufzeit erzählt Pomsel. In der restlichen Zeit erscheinen auf der Leinwand z.B. besonders einprägsame, und mindestens ebenso zynische Zitate von Goebbels, (extrem rare) Ausschnitte aus privaten Super-8-Aufnahmen aus jener Zeit und einige Szenen aus verschiedenen US-Aufklärungsvideos. Diese klug eingebauten Szenen und Schnipsel, verleihen dem zuvor von Pomsel geäußerten Dingen manchmal zusätzliche emotionale Wucht und Schlagkraft.

Überhaupt Pomsel: eine beeindruckende, außergewöhnliche Zeitzeugin. Zum eine die Art und Weise wie fit sie – rein geistig – in ihrem extrem hohen Alter und zum Zeitpunkt der Dreharbeiten, noch ist. Fast eloquent kommt sie daher und ihren Mund verlassen fast ausschließlich druckreife Sätze und Äußerungen. Die sorgsame, gewählte Ausdrucksweise wird noch ergänzt durch ihr beachtliches Erinnerungsvermögen. Natürlich verzerrt und verblasst nichts im Leben so sehr wie die Erinnerung, gerade wenn die betreffenden Ereignisse so lange zurückliegen. Dennoch: Pomsel macht einen sicheren Eindruck, sie muss nicht lange überlegen und das Geäußerte klingt zumindest nachvollziehbar. Sie berichtet sogar vom Ausbruch des Ersten Weltkriegs, an den sie sich bruchstückhaft erinnern kann. 1914 – da war sie drei Jahre alt.

Pomsel ist nicht unsympathisch, zudem sorgen ihre entwaffnende Offenheit und Ehrlichkeit mitunter dafür, dass man sich ein Schmunzel nicht verkneifen kann. Auch wenn es vielleicht nicht angebracht und der Hintergrund ein tragischer ist. Pomsel hatte einst eine beste Freundin, die Jüdin war. An einer Stelle sagt sie über diese Freundin u.a., dass diese einen ordentlichen "Judenzinken" gehabt habe. Oder: "Sie war so jüdisch. Jüdischer kann man gar nicht sein." Die Freundin kam später im KZ um. Doch das erfährt man erst gegen Ende.

Befragt danach, ob sie sich selbst als schuldig ansieht sagt sie: "Nein. Es sei denn, man wirft dem ganzen deutschen Volk vor, dass sie letzten Endes dazu beigetragen haben, dass diese Regierung überhaupt ans Ruder gekommen ist. Das sind wir alle gewesen. Auch ich." Äußerungen wie diese sind es, die vom Kinobesucher ein Gedankenspiel einfordern. Er muss sich fragen: Was hätte ich in der Situation getan? Hätte ich den Mut aufgebracht, Dinge anzusprechen und zu hinterfragen? Denn Pomsel macht auch klar: wer offen gegen das Regime war und sich widersetzte, habe sein Leben aufs Spiel gesetzt. Oder gar verloren. "Beispiele dafür gibt es genug."

Fazit: Differenzierte, mit klug ausgewählten historischen Aufnahmen angereicherte Doku über Goebbels Stenografin, die den Zuschauer zum kritischen Hinterfragen und Reflektieren auffordert.




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