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Orientierungslosigkeit ist kein Verbrechen
Orientierungslosigkeit ist kein Verbrechen
© Grandfilm

Kritik: Orientierungslosigkeit ist kein Verbrechen (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

"Orientierungslosigkeit ist kein Verbrechen" ist ein Gemeinschaftswerk von Marita Neher, die aus dem Dokumentarfilm-Bereich kommt, und Tatjana Turanskyj, die schon sowohl im Dokumentarischen als auch im Fiktionalen (etwa als Drehbuchautorin, Regisseurin und Produzentin ihrer bisher zweiteiligen Frauen- und Arbeittrilogie) tätig war und zu den Begründerinnen von Pro Quote Regie zählt. In einer Notiz bezeichnen die beiden Filmemacherinnen ihre neue Schöpfung als "Hybrid" – als "Essayfilm, getarnt als Roadmovie." Es finden sich darin zum einen inszenierte Passagen, deren Dialoge gemeinsam mit den beiden Hauptdarstellerinnen entwickelt wurden, und zum anderen improvisierte Szenen, die mit den Leuten vor Ort entstanden. Das Ergebnis dieser ungewöhnlichen Herangehensweise ist gewiss sperrig und weist trotz seiner recht kurzen Laufzeit von circa 75 Minuten ein paar Längen auf; dennoch haben Neher und Turanskyj hier ohne Zweifel eine in ihrer Offenheit sehr reizvolle Form gefunden, um die titelgebende Orientierungslosigkeit – das Gefühl von Ohnmacht angesichts des Mangels adäquater Worte, Bilder und Gesten – zu vermitteln.

Die Reise der im Zentrum stehenden Journalistin Lena führt nach einem äußerst kuriosen Interview mit einem betont schmierigen Manager zum Thema "Grenzzäune" in die nordgriechische Region Thrakien. Wenn die Protagonistin dort aus weiter Ferne "Where do you come from?" und "I'm a journalist!" in den Hof eines Abschiebegefängnisses hineinruft, wird ihre Ratlosigkeit im Umgang mit der Situation von Geflüchteten deutlich. "Ich mach' Urlaub und Recherche", sagt sie an einer Stelle und kann ihr zielloses Handeln damit kaum verbergen. Nina Kronjäger ("Abgeschminkt!", "Ostwind") spielt Lena als Frau auf der Suche und lässt dabei sowohl Lenas Frustration über die prekären Zustände im Journalismus als auch den Pragmatismus der seit 20 Jahren in diesem Berufsfeld Tätigen erkennen.

Anna Schmidt, die hier in ihrer ersten großen Filmrolle zu sehen ist, verkörpert als Aktivistin Amy eine interessante Gegenfigur zu Lena: Dank ihrer wohlhabenden Eltern befindet sich die junge Frau in einer privilegierten Situation und kann sich ihr politisch-soziales Engagement in der Refugee-Bewegung leisten. In den Diskussionen zwischen der Journalistin und der Aktivistin über deren jeweiliges Verständnis von Arbeit und Aktivismus werden Lebensentwürfe sowie Weltbilder klug infrage gestellt – und bittere Einsichten gewonnen: "Ich bin hier doch gar nicht aktiv. Ich bin hier mit 'ner komischen Journalistin in der Pampa und bin völlig sinnlos", bemerkt Amy, als Lena sie am Strand für ein Foto zu einer kämpferischen Aktivistinnen-Pose animieren möchte.

Fazit: Eine schwer zugängliche Mischung aus Dokumentar- und Spielfilm, die sich jedoch treffend unserem Ohnmachtsempfinden angesichts der diffizilen politischen Lage widmet.




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