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Die Andere Seite der Hoffnung
Die Andere Seite der Hoffnung
© Pandora Film

Kritik: Die andere Seite der Hoffnung (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Für viele Betrachter war "Toivon tuolla puolen" der Favorit auf den Goldenen Bären der diesjährigen Berlinale. Wohl nicht zuletzt der Regisseur selbst hatte mit der höchsten Weihe der Festspiele gerechnet, sieht man Aki Kaurismäki's wenig souveränes Verhalten, als es auf der Preisverleihung dann "nur" der Silberne Bär für die "Beste Regie" wurde.

Kaurismäki, der dieses Drama auch produziert und geschrieben hat, kündigte an, dies sei sein letzter Film gewesen. Andererseits erklärte der 59-Jährige, dass dies auch der Auftakt zu einer "Flüchtlingstrilogie" sein könnte. Sollte "Toivon tuolla puolen" tatsächlich der Schwanengesang des Finnen sein, dann verabschiedet sich der Meister auf jeden Fall auf einem Karrierehöhepunkt, der viele seiner besten Eigenschaften vereint: Lakonische Tristesse, Helsinki, skurrile Figuren, melancholische Stimmung und trockenem Humor. Besonders Letzterer dürfte Kritiker wie Publikum für das Werk eingenommen haben, denn dass in einem eigentlich ernsten Film auch so viel gelacht werden kann, rundet den Streifen ab, gibt ihm neben den sympathisch gezeichneten und ebenfalls lakonisch gespielten Charakteren die nötige Wärme.

Denn für die Figuren im Film ist das Leben alles andere als heiter. Es muss Kaurismäki hoch angerechnet werden, dass er das aktuelle Flüchtlingsdrama in Europa so integral in seine Handlung eingearbeitet hat. Es wirkt nicht aufgepfropft, nicht belehrend, sondern ist in der persönlichen Tragik für die Hauptfigur Khaled entwaffnend einfach und ehrlich. Nachdem ihm von finnischen Verwaltungsbeamten erklärt worden ist, dass es in Syrien und Damaskus sehr wohl sichere Orte gebe, und er wieder in sein Heimatland deportiert werden soll, sieht Khaled am Abend im Fernsehen, wie dort von einer Eskalation im syrischen Bürgerkrieg berichtet wird, die weder vor Krankenhäusern noch Schulen Halt mache. Weder Khaled noch Kaurismäki kommentieren in dieser Sequenz, sondern lassen die Bilder in der Montage für sich sprechen.

Der Filmemacher zeigt den finnischen Verwaltungsapparat nicht als kafkaesk-monströs, sondern als antiquiert - der Polizist nimmt Khaled's Asylantrag auf einer Schreibmaschine auf, die noch nicht mal elektrisch ist - und indifferent. Dem stellt die Geschichte die Mitmenschlichkeit gegenüber, die - realistisch gezeigt - auch ein bisschen eigennützig von Seiten des Handelsvertreters Wikström ist. Doch auch hier wird die Botschaft unterschwellig vermittelt, ohne den Zuschauer mit der Nase darauf zu stoßen: Es gibt in einer Gesellschaft Platz für jeden Menschen guten Willens, wenn sich die Mitmenschen für seine Lage, seine Geschichte und seine Persönlichkeit öffnen. Wenn sie ihm wie in diesem Fall eine Chance einräumen, die mit einer Schlägerei zwischen Mülleimern beginnt. Und die mit einem Akt der Mitmenschlichkeit endet, der typisch fast ein bisschen wie en passant abgehandelt wird. Auch hier vermeidet Kaurismäki dankenswerter Weise jegliches Pathos.

Wenn Aki Kaurismäki sich jemals so etwas wie einem Feelgood Movie angenähert hat - in dem Rassisten versuchen, die Hauptfigur bei lebendigem Leib zu verbrennen und von Obdachlosen vertrieben werden - dann mit diesem Werk.

Fazit: Ein thematisch bemerkenswert aktuelles, sympathisches und auch witziges Drama. Aki Kaurismäki's lakonischer Regiestil eignet sich bestens für diese Geschichte von Mitmenschlichkeit und der Fähigkeit, sein Leben neu zu erfinden.




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