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Selbstkritik eines buergerlichen Hundes
Selbstkritik eines buergerlichen Hundes
© faktura film

Kritik: Selbstkritik eines buergerlichen Hundes (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Für den 32-jährigen Regisseur des Films, Julian Radlmaier, war "Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes" der Abschlussfilm seines Regie-Studiums an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin. Weltpremiere feierte die Komödie auf dem Rotterdamer Filmfest, anschließend lief der Film auf der diesjährigen Berlinale in der Sektion "Perspektive Deutsches Kino". Während seines Studiums, war Radlmaier Assistent für den 2010 verstorbenen Film- und Opernregisseur Werner Schroeter ("Tag der Idioten", "Malina").

"Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes" ist ein beachtlich reifes, intelligentes und vielschichtiges Langfilmdebüt, das vor kauzigen Charakteren und bizarren Ideen fast übersprudelt. Das beginnt allein schon bei der irrwitzigen Ausgangssituation für die an und für sich überschaubare Handlung: weil er von seinem Hartz-IV-Sachbearbeiter gezwungen wird, muss Julian auf einer Apfelplantage als Erntehelfer im brandenburgischen Havelland arbeiten. Heiterkeit, Missverständnisse sowie Notlügen entstehen in der Folge immer wieder dadurch, dass der Möchtegern-Revolutionär Camille weiß macht, er drehe dort ein kommunistisches Heile-Welt-Märchen. Und sie dürfe darin die Hauptrolle spielen.

Also heißt es: irgendwie vertuschen, dass man vom Amt zur Arbeit auf der ausbeuterischen Plantage (so ziemlich das krasse Gegenteil von Kommunismus) gezwungen wird. Zumal es dort ausschließlich um Leistung, Schnelligkeit und Gewinn geht. Denn die Besitzerin der Plantage hat sich eine ganz besondere Methode ausgedacht, um ihre Arbeiter zu Höchstleistungen anzutreiben. Ein "Um-die-Wette-Pflücken" von Äpfeln, wobei die Mindestmenge, die jedes Team "erpflücken" muss, stets nach Belieben nach oben korrigiert werden kann. Der Sieger bekommt einen 20-Euro-Gutschein für ein Unternehmen, wohl wie kein zweites als Paradebeispiel für ein gewinnorientiertes und seine Angestellten ausbeutendes Unternehmen gelten kann. Und auch exemplarisch für den Konkurrenzkampf um das immer noch bessere Ergebnis bzw. Produkt, steht.

"Selbstkritik…" steckt voller solcher hintersinniger, gelungener Anspielungen, Botschaften und Verweise. Ebenso auf die Kunst anderer Filme und Filmemacher. In einigen, körperbetonten Slapstick-Momenten etwa, denkt man an Laurel und Hardy. Und Reminiszenzen an das europäische Kunstkino glaubt man auch zu entdecken. Julian Radlmaier scheint den italienischen Neorealismus zu lieben, und mit ihm einige seiner wichtigsten Vertreter: Fellini, Visconti und vor allem Rossellini. Wie auch für viele Filme Rossellinis typisch, versucht ebenso Hauptfigur Julian, sich in einer für ihn so fremdartigen und befremdlichen Welt (hier: das kapitalistische Plantagensystem) zurechtzufinden. Und sich letztlich auch selbst zu finden. Zuletzt überzeugt der Film weiterhin durch seine Vielzahl an schrillen, wahnwitzigen Figuren: von den beiden, von der Kraft der Magie überzeugten Proletariern Hong und Sancho bis hin zum stummen Mönch, der Zauberkräfte zu besitzen scheint.

Fazit: Skurrile, pointierte und augenzwinkernde Komödie voller bizarrer Protagonisten und verspielter, origineller Verweise auf Politik, Kultur und Filmgeschichte.






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