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Innen Leben
Innen Leben
© Weltkino Filmverleih

Kritik: Innen Leben (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Die belgisch-französisch-libanesische Koproduktion "Innen Leben" erlebte auf der diesjährigen Berlinale nicht nur seine Weltpremiere, sondern wurde auch zu einem der großen Gewinner. Der Film des Belgiers Philippe Van Leeuw ("The day god walked away") gewann den Publikumspreis in der Sektion Panorama. Weil ein Dreh an Originalschauplätzen nicht möglich war, entstand der Film im benachbarten Libanon. Inspiriert wurde Van Leeuw, der mit dem Verfassen des Drehbuchs schon 2013 begann, laut eigener Aussage von einer wahren Begebenheit. Er hörte von einem Mann, der für drei Wochen inmitten der Bürgerkriegshölle eingesperrt war – ohne Kontakt zur Außenwelt. Ein Gefangener in den eigenen vier Wänden.

Die Wohnung, in der sich die neun Personen vor den Schrecken des Krieges schützen, ist Fluch und Segen zugleich. Einerseits bietet sie ihnen Schutz vor den Scharfschützen und die Möglichkeit, inmitten einer völlig zerstörten und ausgebombten Gegend, vielleicht doch noch zu überleben. Andererseits werden die mutige, aufopferungsvoll kämpfende Oum Yazan – bestürzend intensiv von Hiam Abbass verkörpert – und die anderen zu Gefangenen in den eigenen vier Wänden. Denn verlassen können sie ihre Bleibe nicht. Der Film spielt nahezu ausschließlich in der kleinen Wohnung in Damaskus, wodurch er einen kammerspielartigen Charakter verliehen bekommt. Was passiert, wenn sich doch jemand nach draußen wagt, muss Samir schmerzlich am eigenen Leib erfahren.

Trotz des Elends außerhalb und innerhalb (die Lebensmittel sind knapp und das Telefon funktioniert nur alle paar Stunden für kurze Zeit) der Bleibe, läuft das Leben im Mikrokosmos der Wohnung dennoch immer wieder in verstörend alltäglichen Bahnen ab, heißt: Regisseur Van Leeuw vermittelt auf eindrucksvolle Weise den bizarren Gegensatz zwischen der Kriegshölle draußen und dem Alltag drinnen. Schließlich weiß keiner der Beteiligten, wie lange man festsetzen wird. Also versucht man, sich so gut es geht mit der Situation zu arrangieren.

Und so wird eines von Oum Yazans Kindern vom Großvater unterrichtet, Karim flirtet mit seiner Freundin und Abou Monzer sitzt schweigend in seinem Sessel während er eine raucht. So, wie er es wahrscheinlich immer getan hat, vor dem Krieg. Durchbrochen werden diese Szenen – die natürlich trügerisch sind und nur scheinbar von einer sorgenfreien, heilen Welt zeugen – von Schüssen und Explosionen, die den Krieg vor der Haustür immer wieder brutal ins Gedächtnis rufen.

Nach einer besonders fatalen Explosion in der Nähe, überschlagen sich in Oum Yazans Heim bald die Ereignisse. Mit besonders drastischen Konsequenzen für die junge Mutter Halima. Daraufhin spitzt sich die Situation noch weiter zu und droht, völlig zu eskalieren. In einer besonders nachdrücklichen Szene versucht Halima, sich von allem inneren Schmerz zu befreien. In der Hoffnung, dass ihrem Leiden ein Ende gesetzt wird. Sie sei eine unvorstellbar couragierte, tapfere Frau, wie Oum Yazan ihr an einer Stelle Mut zu machen versucht. Dies trifft freilich auch auf die anderen Bewohner der Wohnung zu, die letztlich doch nur eines wollen: überleben.

Fazit: 24 Stunden Bürgerkriegshölle in Syrien: auf ungemein dringliche und unmittelbare Weise, schildert das kammerspielartige Drama "Innen Leben" den Überlebenskampf von neun unschuldigen Zivilisten.




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