VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder

Kritik: Die Liebhaberin (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Die junge Heldin dieses Spielfilms des österreichischen Regisseurs Lukas Valenta Rinner ("Parabellum") bewegt sich in zwei völlig gegensätzlichen Welten. Die eine ist eine Gated Community in der Region Buenos Aires, in der sie die Rolle eines Hausmädchens innehat. Die andere ist ein Nudistencamp jenseits des Zauns, in dem freie Liebe praktiziert wird und sich alles um das Wohlergehen der nackten Körper dreht. Belén befreit sich dort ebenfalls ihrer Hüllen und entdeckt dabei ihre rebellische Ader. Ihre stumme Abneigung gegen ihre Arbeitgeberin und deren Sohn wächst.

Die argentinische Hausherrin Diana und ihr Sohn behandeln Belén wie Luft, außer wenn sie ihre Dienste brauchen. Die soziale Kluft ist unüberwindbar und führt auch dazu, dass Belén ausgenutzt wird. Auch zwischen Diana und ihrem Sohn herrscht eine Atmosphäre schwelender Respektlosigkeit und Nichtbeachtung, die sich in einer hässlichen Szene entlädt. Die feinen Herrschaften haben keinen Blick für andere. Diese Haltung ist ein Problem, das der Film ins Makabre, Groteske fortschraubt. Die Nudisten bekommen einen elektrischen Zaun verpasst, der Berührungen mit dem Tod bestraft. Aber wer selbst nicht sehen will, erkennt auch nicht die herannahende Gefahr.

Im Kontrast zu dieser kalten, von der Normalität abgekoppelten Welt herrscht bei den Nudisten die perfekte Idylle. Man liegt in der Sonne, fläzt sich auf den Sims eines Wasserbeckens, hat aufgehört, sich fürs eigene Übergewicht oder einen faltigen Hintern zu schämen. Hier sind alle Körper wie selbstverständlich schön. Es werden Tantra-Übungen veranstaltet und andere erotische Vergnügungen. Rinner inszeniert das paradiesische Geschehen oft in Form von Tableaux vivants, auf denen die Nackten wie auf Gemälden positioniert wirken. Die stille Belén trägt ihr Haar offen und bekommt einen strahlenden, aufmüpfigen Blick. Die hohen Bäume, die ziegelroten Bauten, der Frieden auf diesem verwunschenen Gelände betonen die Sinnlichkeit, die hier gelebt wird.

Aber im überraschenden Finale mutieren diese Nudisten zu Projektionen all der Ängste, die sie in den Reichen der Gated Community wecken. So wirkt der Film wie ein fantasievolles Gedankenexperiment, das Sozialkritik mit Skurrilität und einer guten Portion Rätselhaftigkeit verbindet.

Fazit: In diesem fantasievoll-ironischen Film des österreichischen Regisseurs Lukas Valenta Rinner wächst eine junge Frau aus der Rolle eines sozial benachteiligten Hausmädchens heraus, indem sie ein benachbartes Nudistencamp besucht. Die freie und oft auch erotisch gefärbte Körperkultur in dieser Gemeinschaft inszeniert der Film in malerisch ruhigen Bildern. In dieser friedlichen Zügellosigkeit aber schlummert eine heimliche Gefahr, wie der Film mit satirischem Augenzwinkern und einer guten Prise Sozialkritik behauptet. So mutiert der sinnlich ansprechende Film zu einem etwas versponnen wirkenden Gedankenexperiment.





Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.