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Zeit für Stille
Zeit für Stille
© mindjazz pictures

Kritik: Zeit für Stille (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Der amerikanische Dokumentarfilm von Patrick Shen widmet sich einem chronisch vernachlässigten Problem des modernen Menschen. Dieser ist täglich einem Übermaß an Lärm und Geräuschen ausgesetzt, die seine Wahrnehmung belasten und betäuben. Shen lässt Experten zu Wort kommen und stellt Menschen vor, die die Stille suchen und von ihrer wohltuenden Wirkung berichten. Die Gegenüberstellung von Stille und Lärm bestimmt den Aufbau des Films, der auf den kontrastierenden Wechsel setzt. Shen reißt viele, in der Regel sehr interessante Aspekte des Themas an, schüttet aber sein Material wie einen Korb mit Fundstücken vor dem Zuschauer aus.

Viele Statements von Experten und Betroffenen widmen sich der krankmachenden Wirkung von Dauerlärm. In New York rattern alle paar Minuten Züge auf einer Hochbahntrasse an einer Schule vorbei und hindern die Kinder daran, dem Unterricht zu folgen. Der Verkehr der Großstadt, die Gleichzeitigkeit vieler Geräusche, der Lärmpegel in Kaufhäusern und Restaurants, die Anstrengungen von Individuen, sich Gehör zu verschaffen werden kritisch angesprochen und vorgeführt. Vor allem aber sucht der Film nach Orten der Stille, in Klöstern oder Naturlandschaften. Doch indem er jeweils die Dezibelzahl der einzelnen Orte einblendet, streicht Shen heraus, dass auch im Wald und auf der Wiese nicht vollkommene Ruhe herrscht. Blätter rauschen im Wind, ein Vogel ruft. Nach Auffassung eines Experten ist der Mensch genetisch dazu disponiert, eine solche natürliche Geräuschkulisse als angenehm zu empfinden.

Je nach persönlichem Interesse werden wohl viele Zuschauer einzelne Anregungen finden, um sich näher mit dem Thema zu beschäftigen. So erklärt ein japanischer Meister der Teezeremonie, was sie zum spannenden Gruppenerlebnis macht. Man erfährt, dass die gesunde Wirkung von Waldspaziergängen wissenschaftlich belegt ist. Aber es gibt in diesem bunten Strauß von Statements und Eindrücken aus verschiedenen Ländern auch vieles, was zu kurz präsentiert wird, um Aussagekraft zu entwickeln. Auch die Qualität mancher Beispiele ist fragwürdig, wie im Fall des Wanderers, der nicht etwa auf Waldpfaden, sondern auf befahrenen Landstraßen sein Experiment der Stille durchführt. Trotz solcher Einschränkungen wirkt es inspirierend, wie der Film die Aufmerksamkeit auf den gegenüber dem Sehsinn viel zu stark vernachlässigten Hörsinn lenkt.

Fazit: Der Dokumentarfilmer Patrick Shen befasst sich aus vielen verschiedenen Perspektiven mit dem Gegensatzpaar von Lärm und Stille, wobei die wohltuende Wirkung von Ruhe nicht nur behauptet, sondern auch sinnlich erfahrbar gemacht wird. Obwohl nicht alle der reichlich zusammengetragenen Fundstücke zum Thema inhaltlich oder aufgrund der kurzen Präsentation überzeugen, schärft der Film das Bewusstsein dafür, dass der Hörsinn und seine tendenzielle Überlastung im modernen Alltag mehr Aufmerksamkeit verdienen.





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