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Der Geschmack von Leben
Der Geschmack von Leben
© WTP Film

Kritik: Der Geschmack von Leben (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 2 / 5

Roland Reber ist einer der letzten wirklich unabhängigen Regisseure in Deutschland. Mit seiner Kommune aus Filmverrückten dreht er ohne Fördermittel oder eine Beteiligung der Rundfunkanstalten. Die dadurch gewonnene Freiheit, alles erzählen, alles zeigen zu können, macht Rebers Werke nicht unbedingt besser, aber zumindest anders. Das Publikum kann sich auch bei "Der Geschmack des Lebens" auf ein Seherlebnis gefasst machen, das sehr weit vom Mainstream entfernt ist.

In lose verknüpften Episoden äußern Befragte ihre Sicht auf das Leben. Interviewerin Nikki (Antje Nikola Mönning) frönt dazwischen, aber auch währenddessen ihrer sexuellen Freiheit. Dann legt sie bei einem der Interviewpartner schon mal Hand an oder verdrückt sich mitten im Interview für einen Quickie auf eine öffentliche Toilette. Die Dialoge zwischen Nikki und ihren Zufallsbekanntschaften wirken recht natürlich, die Statements vor der Kamera sind hingegen gekünstelt, die Wortwahl ist hochgestochen, der Vortrag zu theatral.

Wiederkehrende Einspieler unterbrechen Nikkis Fahrt übers Land. Mal ist es ein singender Engel (Mira Gittner), der den Zuschauern sein Leid über die Welt klagt, mal ist es die "Fi(c)ktion des Monats", die Nikki in ihrem Videoblog präsentiert. In einer davon jagt der Pimmelfürst (Wolfgang Seidenberg) im Leopardenspandex und mit Peitsche eine Jungfrau (Elisa Oberzig), bevor ihn der heilige Impotenz (ebenfalls Wolfgang Seidenberg) vertreibt. Zwischendurch bricht sich die Fantasie einer Gesprächspartnerin in einem Musical, die einer anderen in einem Musikvideo bahn. Ganz zum Schluss löst sich die Geschichte schließlich in einem Kinosaal auf. Und auch hier wird gesungen. Die Filmcrew gibt mit Knicklichtern in der Hand "Ich geh mit meiner Laterne" zum Besten.

Zwei Sätze bringen Rebers jüngsten Film auf den Punkt. "Muss alles einen Sinn ergeben?", fragt Videobloggerin Nikki an einer Stelle und erteilt einem Mann, den sie gerade im Wald befriedigt hat, kurz darauf mit folgendem Satz eine Abfuhr: "Form ohne Inhalt bleibt halt Form, sonst nichts." Auch in Rebers munterer Collage ergibt nur wenig einen Sinn; zumindest einen erzählerischen sucht man vergebens. Hauptfigur Nikki ist ein ziemlich hohles Konstrukt, um die losen Episoden zu so etwas wie einer stringenten Handlung zu verknüpfen. Ein weiteres Mal ist Rebers Film mehr kinematografisches Pamphlet gegen den Zustand der Republik als abgeschlossene Geschichte. Aber warum macht sich Reber dann überhaupt noch die Mühe, eine Geschichte zu erzählen? Hier lässt er die letzte Konsequenz vermissen, seinen essayistischen Ansatz in einen vollkommenen filmischen Essay zu überführen.

Reber schießt erneut in alle Richtung: gegen Religion, denkfaule Mitmenschen, gleichförmige Unterhaltungsmedien, sinnlose Verbote und nicht zuletzt gegen ein Frauen- und Männerbild, das Rebers Meinung nach die Unterschiede zwischen den Geschlechtern immer stärker nivelliert. Doch mehr als (pseudo-)philosophische Lebensweisheiten und mit ein bisschen Pornografie angereicherte Gesellschaftskritik kommt auch dieses Mal nicht heraus. Rebers Protagonistin Nikki, die Männer befriedigend übers Land zieht, wirkt dann auch eher wie die Fantasie eines Mannes, der den guten alten Zeiten hinterhertrauert, denn wie ein Akt feministischer Befreiung. Immerhin ist das mitunter ziemlich komisch. Und auch formal können sich Rebers Filme mittlerweile sehen lassen. Doch letztlich ist auch dieser nur leidlich ansprechend.

Fazit: "Der Geschmack von Leben" ist ein wilder Mix aus Videoblog, Essay, Porno und Pamphlet mit Einsprengseln aus Musical und Musikvideo. Erzählerisch bleibt der Film sehr lose, schauspielerisch nah am Trash, visuell immerhin ein gutes Stück darüber. Mitunter ist Roland Rebers jüngster Film ziemlich komisch, seine Protesthaltung und Gesellschaftskritik wirken hingegen mehr als bemüht.




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