VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder

Kritik: Draußen (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Wann haben Sie einem Obdachlosen das letzte Mal in die Augen geschaut? In den Innenstädten gehen wir oft achtlos an ihnen vorüber. Dabei lohnt sich ein Blick. Elvis' und Peters kernige, wettergegerbten Gesichter, Sergios funkelnde Augen, Matzes spitzbübisches Lächeln erzählen Lebensgeschichten. Richtig in Szene gesetzt könnten die vier Männer glatt als Models durchgehen, für Tabak oder Eau de Toilette, für Motorräder oder Mode werben. In "draußen" beweisen sie vielfältige Talente.

Tama Tobias-Macht und Johanna Sunder-Plassmann haben genau hingesehen. Ihre Mischung aus Dokumentarfilm und Kunstinstallation überzeugt durch ein schlichtes, streng reduziertes Konzept. Kein Off-Kommentar erklärt das Offensichtliche. Keine Einblendung verstellt den Blick. Keine Musik überhöht die Emotionen. Die Regisseurinnen sind ganz bei den Porträtierten. Sie machen das, wofür den hektischen Passanten in den Fußgängerzonen keine Zeit bleibt: Sie hören zu.

Im Anschluss daran erschaffen die Filmemacherinnen für eine Nacht einen künstlichen, musealen Raum. Sie stellen das in den Gesprächen Erfahrene mit den Gesprächspartnern und ihren wenigen Besitztümern in einen Zusammenhang. Für die vier Männer besitzt ein Kleidungsstück, ein Foto oder ein Buch, mit dem sie Erinnerungen verbinden, weitaus mehr Wert als Geld oder Schmuck. Dabei bleiben Tobias-Macht und Sunder-Plassmann stets an und in der Nähe der Schlafplätze. Wo sich die Männer tagsüber aufhalten oder wie sie sich ihren Lebensunterhalt beschaffen, zeigt "draußen" nicht.

Elvis', Peters, Sergios und Matzes Geschichten berühren. Sie ähneln einander und so vielen anderen Obdachlosen-Viten: schwierige Familienverhältnisse, schwere Schicksalsschläge, teils Drogen, Beschaffungskriminalität. Elvis achtet penibel auf Sauberkeit und Ordnung, die man ihm im Kinderheim eingetrichtert hat. Matze lebt in und von der Natur und damit ökologischer als die meisten. Peter hat drei Kinder, Sergio Eltern, bei denen er wohnen könnte. Als erwachsener Mann käme er sich dabei lächerlich vor.

Auch darum geht es in "draußen". Die vier Porträtierten reflektieren nicht nur, an welcher Stelle sie von einer bürgerlichen Existenz abgebogen sind, sondern warum eine Rückkehr dorthin für sie nicht mehr infrage kommt. Trotz widriger Umstände auf dem Weg in die Obdachlosigkeit bleibt das Leben auf der Straße, nicht zuletzt, um sich ihre Würde zu bewahren, ihre freie Entscheidung.

Fazit: "draußen" ist eine ungewöhnliche Mischung aus Dokumentarfilm und Kunstinstallation. Die Regisseurinnen Tama Tobias-Macht und Johanna Sunder-Plassmann richten ihren Blick vorurteilsfrei auf vier Kölner Obdachlose. Dabei legen sie eine Problematik frei, über die unsere Gesellschaft allzu gern hinwegsieht.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.