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Kritik: Sobibor (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 2 / 5

Dem westlichen Publikum dürfte Konstantin Khabenskiy durch Timur Bekmambetovs Fantasykracher "Wächter der Nacht" (2004) und "Wächter des Tages" (2006) bekannt sein, die dem Darsteller und seinem Regisseur die Tür zum internationalen Kino aufstießen. Vierzehn Jahre und zig Rollen später wechselt Khabenskiy bei einem Spielfilm nun erstmals hinter die Kamera. Zuvor hatte er sich lediglich als Regisseur eines Musikvideos und einer Episode einer Zeichentrickserie versucht. Das Thema seines Debüts, bei dem er auch gleich die Hauptrolle übernommen hat, könnte kaum schwerer sein, und der Novize verhebt sich damit ordentlich.

Die Geschichte des Aufstands im Vernichtungslager Sobibor haben bereits mehrere Dokumentarfilme, darunter Claude Lanzmanns "Sobibor, 14. Oktober 1943, 16 Uhr" (2001), und Jack Golds TV-Film "Flucht aus Sobibor" (1987) erzählt. Khabenskiy möchte mit seinem Versuch Alexander Pechersky ein filmisches Denkmal setzen. Schließlich sei dessen Heldentat zu Lebzeiten nie gewürdigt worden, wie der Abspann verrät. Dementsprechend legt der Regisseur seinen Fokus klar auf den von ihm verkörperten Soldaten, der seine Heldenrolle nur widerwillig annimmt. Khabenskiy gibt ihn mit seiner routinierten Mischung aus Understatement, Zweifel und Pathos. Leon Feldhendler (Dainius Kazlauskas), der andere entscheidende Akteur des Aufstands, tritt dafür ein gutes Stück in den Hintergrund. Was Khabenskiy über all der Heldenverehrung völlig aus den Augen verliert, ist ein würdiger Umgang mit den Opfern.

Handwerklich kann sich "Sobibor" sehen lassen. Ausstattung und Kostüme sitzen ebenso wie Kamera, Licht, Montage und über weite Strecken das Schauspiel. Kuzma Bodrovs Musik trägt ab und an zwar etwas zu dick auf, ist für ein Historiendrama aber gelungen. Und auch Khabenskiys Drehbuch, das er unter Mithilfe von Altmeister Aleksandr Adabashyans, Anna Chernakova, Ilya Vasiliev und Andrey Nazarov geschrieben hat, zeichnet ein präzises Bild der Zeit, das die historischen Fakten und Figuren nur an der einen oder anderen Stelle aus dramaturgischen Gründen zurechtbiegt. Die Charaktere selbst sowie die Handlung sind hingegen eine große Enttäuschung. Gepaart mit einigen unglücklichen Regieentscheidungen ist das letztlich zu viel des Missglückten.

Ist der Auftakt noch gelungen – besonders die Ankunft der Häftlinge, die ein Streicherquartett und freundliche Lautsprecherdurchsagen begrüßen, lässt einen schaudern –, geht es danach langsam, aber stetig bergab. Erzählerisch kann sich "Sobibor" nie ganz entscheiden, ob er Kriegsdrama, Ausbruchskrimi oder Nazi-Exploitation sein will. Mal setzt der Film auf Spannung, mal auf zwischenmenschliche Tragödien, dann wieder auf brutale Gewalt – stets reichlich verkürzt und mit zunehmender Dauer zerfahren. Darunter leiden vor allem die Figuren, von denen keine richtig ausgearbeitet ist.

Die Unmenschen um Lagerkommandant Karl Frenzel (Christopher Lambert) werden konsequent als Abziehbilder aus dem Faschisten-Lexikon inszeniert, sadistische Spielchen inklusive. Frenzel selbst baut das Drehbuch von vornherein als Gegenspieler zum widerwilligen Helden Alexander Pechersky auf. Unter seiner Schminke ist Christopher Lambert nur schwer zu erkennen. Sein Mienenspiel leidet. Während der ersten zwei Auftritte spricht er kein Wort, das erste erst nach 40 Minuten. Und auch danach hält sich seine Figur mysteriös im Hintergrund, fordert Pechersky lediglich zwei Mal zu einer Art Duell. Das hat etwas von einem "James Bond"-Bösewicht und wirkt wie so vieles in "Sobibor" reichlich unausgegoren.

Die Entscheidung, die Figuren der Nazis nicht tiefgründig anzulegen, ist noch nachvollziehbar. Schließlich läuft ein Film damit stets Gefahr, sie zu menschlich erscheinen oder gar zu Sympathieträgern werden zu lassen. Der Umgang mit vielen ihrer Opfer ist jedoch hochgradig ärgerlich. Die Juweliere Semen (Gela Meskhi) und Jakob (Joshua Rubin) sowie dessen Frau Hanna (Michalina Olszanska) sind der traurige Höhepunkt dieses dem Thema unangemessenen Drehbuchkniffs. Wie tragende Rollen eingeführt, verschwinden sie nacheinander nach je ein paar Dialogzeilen auf grausamste, ja geradezu pietätlose Weise. Vor allem Hannas Tod in der Gaskammer erweist dem Film diesbezüglich einen Bärendienst. So sehr diese Szene auch dazu gedacht sein mag, die Gräuel der Shoah zu veranschaulichen, tritt sie deren Opfer mit Füßen und erinnert an vergleichbare Momente aus Machwerken wie Uwe Bolls "Auschwitz" (2011).

Diese rein katalysatorische Funktion erleiden auch andere Figuren wie Luka (Felice Jankell) und Selma (Mariya Kozhevnikova). Während Erstere stets aus dem Nichts auftaucht, um den gefallenen oder an sich selbst zweifelnden Helden wieder aufzurichten, fungiert Letztere entweder als Objekt der Begierde amoralischer Männer oder als Leidensgenossin des von SS-Oberscharführer Rudolf Beckmann (Dirk Martens) misshandelten Chaim Engel (Fabian Kocięcki).
Dieser schlampige Umgang mit den Charakteren, der sich mehr für den Ausgang der Geschichte denn für ihre Protagonisten interessiert, ist symptomatisch. Wahre Anteilnahme fällt auf diese Weise schwer. Im Wust der schieren Masse an Beteiligten geht dem Publikum schließlich auch der Überblick verloren.

Fazit: Mit seinem Regiedebüt "Sobibor" hat sich Schauspieler Konstantin Khabenskiy deutlich übernommen. So gut das Drama handwerklich auch gemacht ist, wird es den Helden, vor allem aber den Opfern des Aufstands im Vernichtungslager Sobibor nicht gerecht. Neben vielen erzählerischen Schwächen, die eine klare Tonlage vermissen lassen, liegt das vor allem am Desinteresse an (zu) vielen Figuren und einem erschreckend unsensiblen Gespür dafür, was gezeigt und was lieber ausgespart werden sollte.




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