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Kritik: Arrhythmia (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Mit "Arrhythmia" legt der 1972 in der ehemaligen Sowjetunion geborene Boris Chlebnikow ("Roads to Koktebel") zum einen eine Beziehungsstudie vor – und liefert zum anderen eine Schilderung der sozialen Lage im urbanen Russland. Das Drehbuch, welches Chlebnikow gemeinsam mit Natalya Meshchaninova verfasst hat, zeichnet sich durch klug beobachtete Momente aus, die der Kameramann Alisher Khamidkhodzhaev in präzise Bilder fasst.

Das Ende einer Ehe wird in "Arrhythmia" als quälender Prozess gezeigt: Das zentrale Paar Oleg und Katja ist offenkundig unglücklich, schafft es aber nicht, das gemeinsame Leben wirklich loszulassen. Erschwert wird dies durch die monetäre Situation der beiden: Obwohl sie hart und unentwegt als Sanitäter beziehungsweise Ärztin arbeiten, können sie es sich nicht leisten, nach der von Katja beschlossenen Trennung auseinanderzuziehen. Das alltägliche Dasein, das die beiden fristen, lässt an einen Satz aus dem Tennessee-Williams-Stück "Die Katze auf dem heißen Blechdach" denken: "Wir leben nicht zusammen, wir bewohnen nur denselben Käfig." Die extreme Nähe in der kleinen Plattenbau-Wohnung besteht indes nicht (mehr) im gegenseitigen Verständnis: Es sei, als lebten sie in unterschiedlichen Universen, sagt Katja an einer Stelle vorwurfsvoll. Dass der Wunsch, sich scheiden zu lassen, von Katja per SMS an Oleg geschickt wird, obgleich sich Oleg am selben Ort aufhält, verdeutlicht die Diskrepanz zwischen physischem und geistigem Beisammensein.

Aleksandr Yatsenko ("Der Duellist") und Irina Gorbacheva ("Trener – Coach") vermitteln diese "Szenen einer Ehe" durchweg glaubhaft. "Wir können doch erst mal einfach gar nichts entscheiden", schlägt der lethargische Oleg nach einem weiteren Streit vor – und die Blicke von Yatsenko und Gorbacheva erzählen in solchen Passagen viel von der Verzweiflung und der Frustration zweier Personen, die weder mit- noch ohneeinander auskommen.

Darüber hinaus gibt das Werk bei Olegs notärztlichen Einsätzen auch Einblicke in die Wohnverhältnisse der russischen Bevölkerung – und demonstriert durch Olegs Konflikte mit seinen Vorgesetzten, dass der "menschliche Faktor" (wie es im Film heißt) durch Kürzungen sowie ein strikt rationales, bürokratisches Denken verloren geht: Die individuelle Behandlung der Leute muss hinter der Effektivität zurückbleiben.

Fazit: Eine genau beobachtete Studie über das (Ehe-)Leben im gegenwärtigen Russland mit einem nuanciert agierenden Duo in den Hauptrollen.




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