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Kritik: Familie Brasch - Eine deutsche Geschichte (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Die Regisseurin Annekatrin Hendel hat sich die Filmrechte an Marion Braschs autobiografischem Familienroman "Ab jetzt ist Ruhe" gesichert. Vor dem geplanten Spielfilm aber präsentiert sie diesen Dokumentarfilm über die prominente ostdeutsche Familie Brasch. Besonders im Konflikt der Söhne mit ihrem Vater Horst Brasch, einem hochrangigen DDR-Funktionär der ersten Stunde, spiegelt sich die Entwicklung des kommunistischen Staates zur Diktatur, die ihre Bürger in die innere oder äußere Emigration zwang, wider. Marion Brasch als zentrale Erzählerin, aber auch andere Angehörige der Familie und Weggefährten geben interessante Einblicke in die deutsche Geschichte aus einer Perspektive, die nach der Wiedervereinigung allzu lange vernachlässigt wurde.

Die Erinnerungen der Interviewten fördern spannende Fakten zutage. In anekdotischer Form wird beispielsweise erzählt, dass der Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht die jungen Menschen, die in der DDR gegen die Zerschlagung des Prager Frühlings protestierten, als "unsere Kinder" bezeichnet haben soll. Dahinter verbarg sich nicht Zustimmung, sondern Ratlosigkeit, denn unter diesen Kritikern befanden sich buchstäblich Kinder hochrangiger DDR-Politiker. Es kam zum Bruch zwischen der Gründergeneration und ihren Kindern, die mundtot gemacht werden sollten. Oft ist im Film von der kühlen, distanzierten Atmosphäre die Rede, die in der Familie Brasch herrschte. Die Liedermacherin Bettina Wegner klagt jedoch wiederum überhaupt nicht darüber, dass sich ihr Ex-Partner Thomas nicht um den gemeinsamen Sohn kümmerte. Vielmehr lässt ihr Humor ihre Schilderungen besonders lebhaft wirken.

Die ebenfalls jahrelang mit Thomas Brasch liierte Schauspielerin Katharina Thalbach erinnert sich nicht minder lebhaft an den gemeinsamen Neuanfang im Westen. Auch Marion Brasch, die mit ihrem Bruder Thomas aufgrund des großen Altersunterschieds im Elternhaus nur wenig zu tun hatte, befasst sich als Haupterzählerin weniger mit sich selbst, als mit diesem Bruder. Dabei führt sie ein Stück weit die emotionale Reserviertheit ihres Elternhauses fort. Hendels Film aber gruppiert seine inhaltliche Fülle sowieso lieber um dem Aspekt des künstlerischen Ausdrucks, den alle vier Kinder dieser Familie gewählt haben.

Fazit: Annekatrin Hendels Dokumentarfilm blättert spannend und fundiert zentrale Kapitel der ostdeutschen Geschichte im Spiegel einer prominenten Familie auf. Der Bruch der DDR-Gründergeneration mit den eigenen Kindern entlang der Frage der politischen Teilhabe und Meinungsfreiheit zeigt sich im Verhältnis des FDJ-Mitbegründers Horst Brasch zu seinem ältesten Sohn, dem in die Bundesrepublik emigrierten Schriftsteller Thomas Brasch. Dessen Schwester, die Schriftstellerin Marion Brasch, erinnert sich an ihre drei verstorbenen Brüder. Flankiert von Erzählungen ihrer Weggefährten entsteht ein faszinierendes Porträt einer Familie, die die Verwerfungen der jüngeren deutschen Geschichte persönlich erlebte und durchlitt.




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