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Seestück
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Kritik: Seestück (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Die Ostsee ist einer der jüngsten Weltozeane, erst 12.000 Jahre alt, am Ende der letzten Eiszeit entstanden. Den 1944 in Stettin geborenen, in Berlin aufgewachsenen und in Dresden und Potsdam-Babelsberg ausgebildeten Volker Koepp hat das größte Brackwassermeer zeitlebens nicht losgelassen. Mit "Seestück" schließt der preisgekrönte Dokumentarfilmer nun eine Reihe über ostdeutsche und (ost)europäische Film- und Lebensräume ab, die er 2009 mit "Berlin-Stettin" begonnen hatte.

Wie im direkten Vorgänger "Landstück" (2016) weist der Titel, ein Begriff aus der Bildenden Kunst, die Richtung. An der Landschaftsmalerei des gebürtigen Greifswalders Caspar David Friedrich geschult wirft Koepps "Seestück" filmische Gemälde von erlesener Schönheit auf die Kinoleinwand. Gleich zu Beginn türmen sich graue, rauschende Wellen meterhoch und bedrohlich übereinander. Ein anderes Mal bilden zwei Schwäne die einzigen, kleinen weißen Farbtupfer im übergangslosen Blau in Blau aus Himmel und Meer. Die Stimmung des Ozeans mag schwanken, Koepps Narration bleibt so ruhig wie die vorbeischwimmenden Vögel.

Wie der große deutsche Maler der Romantik stellt auch Koepp Menschen allein, aber nie einsam vor diese pittoresken Landschaften. Er hat sie während seiner filmischen Rundreise entlang der Anrainerstaaten gefunden: einen der letzten Strandfischer auf Usedom, zwei Stadtverordnete aus dem benachbarten Swinemünde, eine Lehrerin auf Bornholm, einen pensionierten Oberst in den Schären, einen Professor für Geisteswissenschaften in der russischen Exklave Kaliningrad und viele mehr.

So wunderschön Kameramann Uwe Mann die Ostsee in Koepps Dokumentarfilm auch ins Bild rückt, von der Erhabenheit der friedrichschen Seestücke sind sie weit entfernt. Denn viele der von Koepp stets aus dem Off Befragten sind ob des zunehmenden Raubbaus an der Natur, angesichts sich wandelnder Berufsbilder und der geopolitischen Lage besorgt. Nur einige wenige geben sich unverdrießlich. "Seestück" ist auch eine Bestandsaufnahme der persönlichen Befindlichkeiten in West und Ost ein starkes Vierteljahrhundert nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, als plötzlich alles möglich erschien.

Etwas von Caspar David Friedrichs frühromantischer Melancholie findet sich folglich auch bei Koepp. Gerade dessen aus dem Off vorgetragene Kommentare, kleine literarisch angehauchte Kindheits- und Jugenderinnerungen, gepaart mit den Klängen des Schifferklaviers, verströmen eine nostalgische Stimmung. Koepps Blick zurück ist aber kein beschönigender. Den Mauerbau, die nächtlichen Suchscheinwerfer am Strand, die sehnsüchtigen Blicke der Ostdeutschen, die sie den Fähren nach Schweden hinterherwarfen, hat Koepp nicht vergessen. Und dank Protagonisten wie dem Landschaftsökologen Michael Succow, der lettischen Mutter Lasma Medne oder dem Meeresforscher und Biologen Ulrich Bathmann richtet "Seestück" auch einen hoffnungsvollen Blick nach vorn.

Fazit: "Seestück" ist ein prächtig fotografierter, stimmungsvoller Dokumentarfilm über die Ostsee und ihre Anwohner; eine Bestandsaufnahme ost- und westeuropäischer Befindlichkeiten mehr als ein Vierteljahrhundert nach dem Mauerfall; ein kinematografisches Gemälde.




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