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Talking Money
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© Piffl Medien © dejavu filmverleih

Kritik: Talking Money - Rendezvous bei der Bank (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 2 / 5

Dass es "Talking Money" in die Vorauswahl zum Deutschen Filmpreis 2019 schaffte, mag dem Zeitgeist geschuldet sein. Spätestens seit der Finanzkrise 2008 ist es en vogue, die Finanz- und Wirtschaftsbranche, ihre globalen Geldflüsse und Steuervermeidungssysteme (noch stärker) zu hinterfragen. Auf dem Papier liest sich Sebastian Winkels' Ansatz, weltweit bei Kundengesprächen in Banken Mäuschen zu spielen, denn auch interessant. Spannendes Dokumentarkino sieht allerdings anders aus.

Der Regisseur war in acht Ländern bei circa 150 Gesprächen dabei. 15 davon haben es in den fertigen Film geschafft. Winkels' Konzept ist simpel, seine Form streng. Die Kamera nimmt aufseiten der Bankangestellten Platz, blickt auf die Kunden und kehrt dadurch das Verhältnis, das viele Zuschauer aus der persönlichen Erfahrung kennen dürften, um. Winkels Anordnung macht das Kinopublikum zu Bankberatern, die sich in ihren Gegenübern im Idealfall selbst erkennen. Wenn sich diese rund um den Globus verstellen und verbiegen, um Kredite zu erhalten oder einen Aufschub für Rückzahlungen herauszuschlagen, drängt sich zwangsläufig die Frage auf, die Winkels in einem Interview zu seinem Film stellt: "Warum machen wir da überhaupt noch mit?"

Wo beraten, gebeten, gebettelt und gefeilscht wird, erschließt sich lediglich über die gesprochene Sprache und die erwähnte Währung. Erst im Abspann listet Winkels die einzelnen Banken auf. Dieser rein beobachtende Modus, ohne Kommentar, Nachfragen oder Musik ist die große Stärke dieses Films. Vom "didaktischen Erklärbär-Kino", wie Winkels eine Tendenz im zeitgenössischen Dokumentarfilm beschreibt, ist das weit entfernt. Die Zusammenhänge der globalen Geldgespräche muss sich das Publikum schon selbst zusammensetzen. Die Gemeinsamkeiten überwiegen, am stärksten prägen sich aber die Unterschiede ein: Während etwa in Bolivien ganze Existenzen von für Europäer lächerlich geringen Beträgen abhängen, suchen sich wohlsituierte Schweizer ihre Bank handverlesen nach der Nachhaltigkeit ihrer Investitionen aus. Ein Geldinstitut fürs gute Gewissen – das ist wahrlich ein Luxusproblem.

Diese Vergleiche sind stark, die aufgezeichneten Gespräche insgesamt zu schwach. Die Situationen ähneln einander so sehr, dass der Film schnell in den inhaltlichen Leerlauf schaltet, statt einen Gang zuzulegen. Wer Unterredungen mit dem eigenen Bankberater kennt, hat zudem das Gefühl, dass die im Film gezeigten Vertreter selbst in der Anonymität des außerfilmischen Raums nicht ihr wahres Gesicht zeigen. (Einzig ein Berater in Pakistan sticht durch seine Unfreundlichkeit und Ignoranz hervor.) Trotz einer kurzen Laufzeit von nicht einmal 90 Minuten werden einem die Gespräche schnell unheimlich lang, weil sie dem Film früh keine neuen Aspekte mehr hinzufügen können.

Fazit: Sebastian Winkels "Talking Money" ist ein streng komponierter Dokumentarfilm, der rund um den Globus bei Kundengesprächen in Banken Mäuschen spielt. Die Gespräche drehen sich allerdings allzu schnell im Kreis und ziehen den Film unnötig in die Länge.




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