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Die Geheimnisse des schönen Leo
Die Geheimnisse des schönen Leo
© Real Fiction

Kritik: Die Geheimnisse des schönen Leo (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

In seinem Langfilmdebüt "Die Geheimnisse des Schönen Leo" befasst sich der 1987 in Benediktbeuern geborene HFF-München-Absolvent Benedikt Schwarzer mit dem öffentlichen und privaten Leben des CSU-Politikers Leo Wagner (1919-2006). Sein Werk, das 2018 auf dem Münchner DOK.fest seine Weltpremiere feierte, ist zum einen das Porträt eines schillernden Charakters – und zum anderen eine sehr persönliche Familiengeschichte, da es sich bei Wagner um Schwarzers Großvater mütterlicherseits handelt.

Durch einen alten CSU-Wahlwerbespot, in welchem Wagner auftritt, sowie weiteres Archivmaterial vermittelt der Regisseur gekonnt die Stimmung in einer politisch turbulenten Phase der sogenannten "Bonner Republik". Er zeigt die Machtkämpfte, die in den 1960er und 1970er Jahren im Deutschen Bundestag zwischen den Parteien ausgetragen wurden, und widmet sich dem ausschweifenden Lebensstil Wagners im Rotlicht-Milieu sowie den daraus resultierenden finanziellen Problemen. Schwarzers Recherche, die ihn bis nach Teneriffa führt, ist gründlich – und fördert interessante Dinge mit neuen Details zutage. Obschon etliche Weggefährten es ablehnten, über ihre Erfahrungen mit Wagner zu sprechen, konnte Schwarzer einige Personen ausfindig machen, deren Schilderungen das Werk bereichern – vom Kameraden aus dem Kriegsdienst über den Chauffeur bis hin zur Geliebten. "Die Geheimnisse des Schönen Leo" ist somit ein spannungsreicher investigativer Polit-Dokumentarfilm, der auch Wagners Rolle beim Misstrauensvotum gegen den damaligen Bundeskanzler Willy Brandt sowie mögliche Geschäfte mit der Stasi beleuchtet.

Noch reizvoller ist Schwarzers Arbeit indes als familiäre Auseinandersetzung. "Die Geheimnisse des Schönen Leo" erweist sich letztlich als Annäherung des Filmemachers an die eigene Mutter. Wenn Ruth Schwarzer über ihre Kindheit und Jugend reflektiert, über ihr Verhältnis zur Mutter und zum oft abwesenden Vater, ist das überaus intensiv – und hat obendrein einen überraschenden Twist.

Fazit: Ein gut recherchiertes dokumentarisches Zeitstück – und zugleich eine einnehmende Beschäftigung mit der Familienbiografie des Regisseurs.




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