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Yves' Versprechen
Yves' Versprechen
© JIP Film und Verleih

Kritik: Yves' Versprechen (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der Dokumentarfilm von Melanie Gärtner befasst sich mit dem Erfolgsdruck, den afrikanische Migranten im Gepäck führen, wenn sie sich auf den Weg nach Europa machen. Am Beispiel eines Mannes aus Kamerun zeigt sie, wie die Erwartungen der Angehörigen in der Heimat dem Einzelnen das Scheitern in der Fremde praktisch verbieten. Käme dieser mit leeren Händen zurück, wäre sein soziales Ansehen zerstört.

Indem Gärtner nicht nur die prekäre, perspektivlose Situation von Yves in Europa beobachtet, sondern auch sein Umfeld in Kamerun erkundet, nimmt sie eine Horizonterweiterung vor. Es erweist sich als nützlich, Migranten nicht nur als Individuen zu begreifen, sondern als Menschen mit sozialen Rollen im Heimatland, die mit Aufträgen und Erwartungen verbunden sind.

Am deutlichsten spricht Yves‘ bester Freund Sylvain aus, dass einem gescheiterten Rückkehrer die soziale Ächtung droht. Der Friseur muss selbst mindestens dreimal im Monat sein Heimatdorf besuchen, um sich um die Verwandtschaft zu kümmern. Dabei hat der Mann in der Stadt eine eigene Familie, mit der er in einer armseligen Hütte lebt. Yves‘ Vater wünscht sich, dass der Sohn ihm ein Hörgerät aus Europa mitbringt. Eine Schwester betont, dass Yves nach dem Tod der Mutter als einziger die Schule besuchen durfte, weil das Geld nicht für die anderen reichte. Der jüngere Bruder Christian hofft, dass Yves zurückkommt und sich wie früher um ihn kümmert. Die Geschwister haben Tränen in den Augen und lächeln glücklich, als sie die Videobotschaften von Yves anschauen. Sie sind bewegt von seinen Beteuerungen, dass er sie nicht vergessen hat und sich bald um sie kümmern möchte. Dass er keine Papiere hat und nicht weiß, wie er es in Europa schaffen soll, verrät Yves nicht.

Yves wäre wohl in Kamerun geblieben, schließlich hatte er dort eine kleine Familie und eine Arbeit, aber ein Verbrechen warf ihn aus der Bahn. Ein Mann vergewaltigte seine kleine Tochter und konnte sich von der Strafverfolgung freikaufen. Dieses Trauma spielt womöglich eine noch größere Rolle für Yves‘ Wunsch, Kamerun zu meiden, als der Film selbst glauben machen will. Dennoch ist die Konzentration auf den wirtschaftlichen Erfolgsdruck, der auf Yves lastet, plausibel, schließlich zeigt er dem Entwurzelten zugleich das vielleicht einzige Ziel, das ihm noch Halt und Hoffnung gibt.

Fazit: In ihrem Dokumentarfilm geht Melanie Gärtner der Frage nach, warum ein afrikanischer Bootsflüchtling trotz fehlender Perspektiven in Europa nicht in seine Heimat Kamerun zurückkehren will. Ihr Besuch bei seinen Angehörigen vermittelt den Zuschauern interessante Einblicke in eine soziale Kultur, in der der Einzelne für seine Eltern und Geschwister sorgen muss. Wer ohne Erfolg und Geld aus der Fremde zurückkehrt, ist seiner sozialen Aufgabe nicht gerecht geworden. Diese Erweiterung des filmischen Blicks auf die Traditionen im Herkunftsland erweist sich als sinnvoll und aufschlussreich, um die Zwickmühle vieler Migranten ohne Bleiberecht in Europa zu verstehen.




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