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Kritik: Es - Kapitel 2 (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 2 / 5

Klar, irgendwie wirkt’s immer wie ein verzweifelter Schrei nach Aufmerksamkeit, wenn man was Negatives über einen Film schreibt, der nicht nur an den Kinokassen sagenhafte 700 Millionen Dollar eingesammelt hat, was für einen Horrorfilm ein absoluter Rekord ist, sondern auf den sich so gut wie alle, Presse wie Fans, einigen konnten.

Dennoch, drei Fragen seien zum 2017 veröffentlichten ersten Teil der Verfilmung von Stephen Kings, für die Kino-Variante natürlich mächtig ausgedünntes, 1500-Seiten-Kult-Epos "Es" gestattet:

1) Wäre "Es" genauso erfolgreich geworden, wenn nicht spätestens "Stranger Things" im Vorfeld für eine globale 1980er-Retro-Hysterie gesorgt hätte?

2) Wäre "Es" genauso erfolgreich geworden, wenn man den Film nicht mit einer ausgefuchsten und sehr umfangreichen Marketing-Strategie (inklusive 8-Bit-Spiel, Virtual-Reality-Installation und interaktive Horrorhaus-Attraktion) lange Zeit vor Kinostart in die Köpfe der Zuschauer gehämmert hätte?

3) Wäre "Es" tatsächlich zum erfolgreichste Horrorfilm aller Zeit geworden, wenn die Macher nicht peinlich genau drauf geachtet hätten, dass der Horror nie zu gruselig wird, dass jeder Moment des Schreckens sich möglichst bald darauf in ein befreiendes Lachen entlädt; dass das Ganze auch für Menschen zugänglich bleibt, die normalerweise um Horrorfilme einen großen Bogen machen?

Jedenfalls: "Es: Kapitel 2" streicht noch mal eindrücklich das Einzige heraus, was am Vorgänger funktioniert hat. Es war nicht die Geschichte an sich - geschildert wird der Kampf von sieben Außenseiter-Kids gegen ein namenloses Monster, Es, das ihren innersten Ängsten Gestalt geben kann, aber vor allem als Clown Pennywise in Erscheinung tritt - und es war schon gar nicht der Horroranteil. Während Es bei King noch ein undefiniertes, im Hintergrund wabernder Grauen war, welches erst sehr spät richtig in Aktion tritt, behandeln die Filmemacher das mittlerweile – auch dank Tim Currys ikonischer Darstellung in der 1990 veröffentlichten TV-Adaption des Stoffs – populäre Monster als eine Art Springteufel, der in regelmäßigen Abständen begleitet von donnernder Musik aus der Kiste hüpfen und laut "Buh" rufen darf. Da werden Erinnerungen an die "Nightmare On Elm Street"-Reihe um Kultkiller Freddy Krueger wach, allerdings waren Kruegers Auftritte weitaus fantasievoller, verspielter und auch ein gutes Stück ruppiger inszeniert als das glatt gebügelte, CGI-unterstützte Treiben des nur wenig gruseligen Gestaltenwandlers.

Nein, es war das nostalgische Herz des ganzen Unterfangens, die Reise in die 1980er-Jahre mit einer Gruppe sympathischer Kids, Bill, Ben, Eddie, Stan, Mike, Richie und – das einzige Mädchen im Bunde - Beverly, denen Dialoge in den Mund gelegt wurden, die Kids um die 11 Jahre nun mal so von sich geben. Es waren die Szenen abseits des Horrors, die "Es" eine gewisse Existenzberechtigung verliehen haben, Szenen, in denen ein Zusammengehörigkeitsgefühl vermittelt wurde, Szenen, die die Sorgen und Nöte, aber auch die schönen, oft sehr fröhlichen Augenblicke Heranwachsender schilderten und natürlich jede Menge Anknüpfpunkte boten. Wenn die Jungs zum Beispiel baden gehen, überraschend Beverly vorbeikommt und sich ihren staunenden und verschämt glotzenden Freunden im Zweiteiler präsentiert, erinnert sich wohl jeder mit einem von Schmunzeln (und vielleicht auch einem wehmütigen Seufzen) an die eigene Vergangenheit, wie’s damals so war, mit der Entdeckung des anderen Geschlechts.

Szenen dieser Art finden sich in Form von Rückblicken auch in der 27 Jahre später spielenden Fortsetzung, und stellen auch die einzigen Momente dar, in denen "Kapitel 2" zum Leben erwacht beziehungsweise gelegentlich kurz vergessen lässt, dass während über einer weit über jede Gebühr ausgespielten Laufzeit von sagenhaften 170 Minuten eigentlich nicht viel mehr passiert, als dass die mittlerweile erwachsenen Freunde wieder zusammenkommen und das Monster endgültig platt machen wollen. Das springende Punkt ist, dass die erwachsene Variante der Kids blass bleibt, die an sich gute Besetzung hat im Prinzip nichts weiter zu tun als die von den jugendlichen Pendants etablierten Charaktermerkmale zu übernehmen, Richie ist immer noch der Komiker, Eddie immer noch der hypernervöse Pedant, man erfährt nichts mehr Neues, die Figuren machen ebenso wenig tatsächlich nennenswerten Entwicklungen durch und fühlen sich zwar irgendwie bekannt, aber – und das wird vor allem angesichts der Rückblicke spürbar – gleichzeitig wie Fremde an, die außer eine größtenteils längst vergessene Kindheit nichts verbindet; Leute, die irgendwie an die Jugendlichen von damals erinnern, aber nicht wirklich mit ihnen in Verbindung stehen und so erlahmt das Interesse am neuen alten Personal rasend schnell. Dazu kommt noch, dass Es in bester Fortsetzungs-Tradition noch öfter ran darf, was irgendwann - trotz kleiner inszenatorischer Highlights - einfach nur noch anödet, zumal Teil 2 den Horror öfter auch direkt mit Comedy verbindet, wodurch dem Schrecken die Dringlichkeit so gut wie völlig abgeht. Natürlich versandet das alles in einer dieser einfach nicht enden wollenden Krawall-Finale ohne die heutzutage wirklich gar kein Hollywood-Filme mehr auskommt.

Fazit: "Es: Kapitel 2" erinnert in seiner Gesamtheit irgendwie ein bisschen an den diesjährigen Überhit "Avengers: Endgame": Zwei bis zum Anschlag aufgeblasene Nichtigkeiten, die in einzelnen Momenten an ihre (etwas) besseren Vorgänger erinnern. Na hoffentlich macht das nicht Schule!




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