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Kritik: Der Vorleser (2008)


Mit "Der Vorleser" legt Stephen Daltry seine Adaption des gleichnamigen Bestsellers von Bernhard Schlink vor. Nach einem Drehbuch von David Hare drehte Daltry sein Liebesdrama mit Kate Winslet, David Kross und Ralph Fiennes in den Hauptrollen im vergangenen Jahr weitgehend in Deutschland. Hierzulande erlebte "Der Vorleser" seine Premiere im Rahmen der Berlinale, als außer Konkurrenz laufender Wettbewerbsbeitrag, in den USA hingegen wurde das Drama schon Mitte Anfang Dezember als "limited release" in die Kinos gebracht - ein Trick der Oscarerprobten ausführenden Produzenten Bob und Harvey Weinstein, um den Film noch möglichst chancenreich im aktuellen Oscarrrennen unterzubringen: Wählbar sind für die im Februar vergebenen Preise immer nur jene Filme, die spätestens im Dezember des Vorjahres in den USA zu sehen waren. Und es gilt: Je später im Jahr ein Film in die US-Kinos kam, desto wahrscheinlicher ist, dass er eine (oder mehrere) Nominierung(en) abstauben kann. Kate Winslet, die nun tatsächlich als beste Hauptdarstellerin 2008 ausgezeichnet wurde, hat dies also sicherlich auch der generalstabsmäßigen Oscarplanung der Herren Weinstein zu verdanken. Dabei hätte sie diese Schützenhilfe gar nicht nötig gehabt, denn Winslet macht ihre Sache auffallend gut - was man ausgerechnet in der deutschen Fassung leider nur teilweise wahrnehmen wird, weil der strenge, deutsche Akzent, den Winslet sich für die Rolle antrainierte, einfach wegsynchronisiert wird.
Mit der Story erregte "Der Vorleser" fraglos einiges Aufsehen, enthält sie doch gleich zwei skandalträchtige Elemente: Zum einen die Liebesbeziehung zwischen einem Teenie und einer wesentlich älteren Frau, zum anderen weil es sich bei der Geliebten dann auch noch um eine ehemalige Wärterin in Auschwitz handelt. Im tatsächlichen Film aber ist beides eher nebensächlich - da wir dem Verlauf aus Sicht des ahnungslosen Michael folgen, erfahren wir von Hannas Vergangenheit erst spät und auch nur so viel, wie man eben muss um Michael zu verstehen. Und auch die Romanze ist eigentlich keine Romanze - die Zuschauer bekommen zwar allerlei, vielleicht sogar einen Tick zu viele oder zu lange, Liebesszenen zu sehen, von Liebe und Romantik jedoch keine Spur. Das Interesse von Winslets Hanna gilt primär jenen Büchern, die sie sich vor jedem Schäferstündchen vorlesen lässt; Michaels Interesse gilt der Entdeckung seiner Sexualität.
So ist denn auch das eigentlich zentrale Thema der Story schlicht Schuld, laden doch beide Hauptfiguren eine (zugegebenermaßen unterschiedlich starke) Unterlassungssschuld auf sich, die ihrer beider Leben für immer zeichnet: Sie hat es als KZ-Aufseherin unterlassen, die Türen einer brennenden Kirche zu öffnen um hunderten eingeschlossenen Häftlingen das Leben zu retten; er hingegen entscheidet sich als junger Jurastudent dagegen, mit einer einfachen Aussage in Hannas Prozess Falschaussagen aufzudecken und seine ehemalige Geliebte so vor lebenslanger Haft zu retten. Allerdings: Die Monstrosität von Hannas Taten lassen Michaels Fehler verblassen. Der Versuch, sie durch die parallele Konstruktion quasi gleichzusetzen, kann durchaus als (dann allerdings schon in der Vorlage angelegte) Holocaust-Relativierung gedeutet werden. Diskussionswürdig ist "Der Vorleser" also allemal - und allein deswegen schon sehenswert.

Fazit: Sehenswertes, diskussionswürdiges Schuld-Drama mit einer zurecht für ihre Hauptrolle ausgezeichnete Kate Winslet.




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