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Little Joe - Glück ist ein Geschäft
Little Joe - Glück ist ein Geschäft
© X Verleih

Kritik: Little Joe - Glück ist ein Geschäft (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Freunde des Horror- und Science-Fiction-Kinos dürften sich beim Anblick von Jessica Hausners neuem Film "Little Joe – Glück ist ein Geschäft" erinnert fühlen an die diversen Leinwandadaptionen von Jack Finneys Roman "Die Körperfresser kommen", in dem außerirdische Invasoren Menschen durch seelenlose Doppelgänger ersetzen. Die aus Österreich stammende Regisseurin greift auf bekannte Genremotive zurück, drückt ihrem beunruhigenden Drama aber ihren eigenen Stempel auf, der sich nicht nur erzählerisch, sondern auch in Bildsprache und Inszenierungsweise bemerkbar macht.

Im Mittelpunkt der Handlung steht die ehrgeizige, in ihrer Arbeit aufgehende Wissenschaftlerin Alice Woodard (Emily Beecham), die Bahnbrechendes vollbracht zu haben scheint. Eine von ihr gezüchtete Blume soll mithilfe eines speziellen Hormons, das sie absondert, ihren Besitzern zu größeren Glücksgefühlen verhelfen. Wer sich an die ideale Raumtemperatur hält und der Pflanze ausreichend Zuwendung schenkt, wird – so verspricht es Alice – mit mehr Zufriedenheit belohnt. Dass vor der öffentlichen Präsentation der Schöpfung noch wichtige Tests anstehen, hält die Forscherin nicht davon ab, heimlich ein Exemplar mit nach Hause zu nehmen und ihrem Sohn Joe (Kit Connor) zu schenken. Als die Kollegin Bella (Kerry Fox) eindringlich vor den Nebenwirkungen der Blume warnt, wischt Alice die Mahnungen zunächst beiseite. Doch dann kommen ihr selbst Zweifel, da sich Joe plötzlich immer merkwürdiger verhält.

Hausner schreckt nicht vor den Horrorelementen der Geschichte zurück, geht sie allerdings mit genreunüblicher Zurückhaltung an. "Little Joe – Glück ist ein Geschäft" entspinnt sich in einem gemächlichen Tempo und hält bis über das Ende hinaus einiges in der Schwebe. Geht von der purpurroten Pflanze, die nach Alices Sohn benannt ist, wirklich eine Bedrohung aus? Verändert sie, wie die besorgte Bella behauptet, das Wesen derjenigen, die mit ihr in Kontakt kommen? Oder gibt es für das ungewöhnliche Verhalten Joes und anderer Figuren schlüssigere Erklärungen? Immerhin steckt der Junge mitten in der Pubertät. Auch wenn das von der Regisseurin und Géraldine Bajard gemeinsam verfasste Drehbuch den Protagonisten einige übertrieben explizite Dialoge in den Mund legt, breitet sich ein handfestes Gefühl der Verunsicherung aus. Welchen Beobachtungen kann man trauen und welchen nicht? Vor dieser Frage steht auch der Zuschauer permanent.

Dass sich eine irritierende, surreale Atmosphäre einstellt, hängt vor allem mit Hausners kontrolliertem, emotionslosem Stil zusammen. Jede Einstellung wirkt aufgeräumt, sorgsam durchkomponiert. Die schleichenden und kreisenden Kamerabewegungen haben mitunter hypnotische Qualität. Figuren werden manchmal komplett an den Bildrand gedrängt oder verschwinden kurzzeitig gänzlich aus dem Blickfeld. Und auch die markante Farbgestaltung verleiht dem Ganzen eine außerweltliche, irreale Note.

Die zur Schau gestellte Künstlichkeit ist absolut gewollt, da sie die inhaltliche Ebene reflektiert. Schließlich geht es hier um eine herangezüchtete, genmanipulierte Blume und die Chancen und Risiken von artifiziell erzeugtem Glück. Der menschliche Drang, im Namen der Wissenschaft Grenzen zu überschreiten, gerät ebenso in den Fokus wie das Verhältnis einer alleinerziehenden Mutter zu ihrem Teenager-Sohn und die Schwierigkeit, Beruf und Elternrolle zu vereinbaren. Thematisch ist das Horrordrama sicherlich ein wenig überfrachtet und schafft es nicht, jeder Überlegung vollauf gerecht zu werden. Zum Nachdenken und Diskutieren regt Hausners unbehagliche, von schaurig-experimentellen Klängen begleitete Versuchsanordnung aber allemal an.

Fazit: Eigenwillige Scifi-Gruselgeschichte, die sich etwas zu viel vornimmt und in den Dialogen manchmal zu dick aufträgt, mit ihren seltsam betörenden Bildern und ihrer befremdlich sterilen Inszenierung jedoch bleibenden Eindruck hinterlässt.




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