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Räuberhände
Räuberhände
© Salzgeber & Co. Medien GmbH © Die FILMAgentinnen

Kritik: Räuberhände (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Obwohl sie dramatisch verläuft, durchzieht diese Geschichte einer Freundschaft eine Leichtigkeit, die sehr stimmig das Lebensgefühl ihrer jugendlichen Helden wiedergibt. Der Drang, flügge zu werden, verträgt sich nicht immer so gut mit dem Anspruch der beiden, sich ausnahmslos aufeinander verlassen zu können. Beim spontanen Sex mit Samuels Mutter denkt Janik nicht über den Moment hinaus. So steht die Reise der beiden Freunde nach Istanbul unter keinem guten Stern. In der fremden Stadt zeigt sich zudem, dass ihre unterschiedliche Herkunft Janik und Samuel viel stärker trennt, als ihnen bewusst war. Doch wahre Freunde lassen sich vom Lauf der Dinge nicht einfach auseinanderreißen.

Der Regisseur Ilker Çatak ("Es gilt das gesprochene Wort") hat den gleichnamigen Roman von Finn-Ole Heinrich aus dem Jahr 2007 mit viel Gespür für die Mentalität der beiden jungen Männer verfilmt. Als Janik dem Freund vollmundig versichert, dass er nicht mit seiner derzeitigen Freundin, sondern wie abgemacht mit ihm wegfahren will - "da lass ich niemanden dazwischenfunken, schon gar keine Frau" -, ahnt er noch nicht, wie weit Anspruch und Wirklichkeit bald auseinanderklaffen werden. Er ähnelt einem Kind, das feierlich Blutsbrüderschaft schließt. Der blonde Lehrersohn ist es gewöhnt, im Zentrum zu stehen. Erst in Istanbul dämmert ihm, dass es seinem Freund anders geht und dass dieser sich schon lange verzweifelt danach sehnt, irgendwo dazuzugehören.

Die Geschichte ist aus der Perspektive Janiks erzählt und folgt ab und zu auch dessen Fantasien. Emil von Schönfels spielt den jungen Mann hervorragend in seiner Unsicherheit, die er auf der Reise durchlebt. Die Gefühle für den abweisend reagierenden Samuel, sein Bemühen, ihn zu verstehen, gehen oft mit Sprachlosigkeit oder scheiternden Dialogen einher. Die zärtliche Zuneigung, die Janik für Samuel, anscheinend ohne homoerotisches Interesse, empfindet, bricht sich in anrührenden Szenen Bahn. Instinktiv will er den Freund beschützen, je mehr er sieht, wie allein und verloren dieser wirkt.

Im Trubel der großen Stadt Istanbul lauern auf die zwei Grünschnäbel, die sich nicht auskennen, auch allerhand Gefahren. Mit impressionistischen Aufnahmen, flirrender Dynamik und Zeitlupen widmet sich die Kamera gekonnt dem intensiven Leben im Moment, wie es Janik und Samuel beherrschen. Ihre Beschwingtheit hilft ihnen paradoxerweise, sich auch auf wirklich schwierige Situationen einzulassen.

Fazit: Der Regisseur Ilker Çatak verknüpft in der Verfilmung des gleichnamigen Romans von Finn-Ole Heinrich dramatische Spannung mit atmosphärischer Leichtigkeit. Die Geschichte zweier Freunde, die nach dem Abitur nach Istanbul reisen und feststellen, dass es zwischen ihnen nicht mehr wie früher ist, wird mit viel Gespür für die emotionale Berg- und Talfahrt der Charaktere erzählt. Die Inszenierung lotet, auch mit Hilfe von impressionistischen Aufnahmen und bebilderten Fantasien, überzeugend das Wesen einer intensiven Freundschaft am Scheideweg aus.




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