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Gott, Du kannst ein Arsch sein!
Gott, Du kannst ein Arsch sein!
© Leonine Distribution

Kritik: Gott, du kannst ein Arsch sein! (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Aus diesem Stoff hätte auch ein ganz anderer Film werden können. Seit einigen Jahren mehren sich Herzschmerzdramen, in denen sich ein gesunder Teenager in einen kranken oder wie jüngst in "Drei Schritte zu dir" (2019) zwei kranke Teenager ineinander verlieben. Doch André Erkaus neuer Film ist nicht das deutsche "Das Schicksal ist ein mieser Verräter", der 2014 den Trend des sick teen in love flick lostrat. Erkaus Hauptfigur Steffi (Sinje Irslinger) denkt gar nicht daran, sich in einem Krankenhaus behandeln zu lassen. Und so wird aus einer potenziellen Sterberomanze ein tragikomisches Roadmovie.

Auch das ist nicht neu. Filme über sogenannte bucket lists, also Listen mit Dingen, die vor dem Ableben noch erledigt werden wollen, gibt es zuhauf. Til Schweiger, der in Erkaus Film Steffis Vater Frank spielt, war auch schon in einem. In "Knockin' on Heaven's Door" (1997) wollte sein Charakter vor dem Tod unbedingt das Meer sehen, worauf das Drehbuchduo Tommy Wosch und Katja Kittendorf in "Gott, du kannst ein Arsch sein!" augenzwinkernd anspielen. Wie ihr Drehbuch überhaupt gut die Waage zwischen andeutungsreicher Komik und nachdenklichen Momenten hält.

Weil Steffi im Grunde nur den Wunsch hat, rechtzeitig nach Paris zu kommen, gerät die Fahrt dorthin mehr zu einer bucket list für ihren Fahrer Steve (Max Hubacher). Der darf zum ersten Mal in seinem Leben Schnee sehen oder ausprobieren, ob sich Kühe reiten lassen. Aber auch für Steffi hält die Reise erste Mal bereit, die zwar auf keiner Liste standen, beim Kinopublikum aber für Abwechslung sorgen: das erste Tattoo (das dem Film den Namen gibt), der erste Diebstahl, die erste Flucht samt Verfolgungsjagd.

Ein gelungenes Roadmovie hängt von vielen Faktoren ab: von den unterwegs gesammelten Bildern und Erfahrungen, von der Stimmung der Reise und der Chemie zwischen den Reisenden, von der Entwicklung der Figuren. Steffi und Steve, aber auch Steffis Eltern Frank und Eva (Heike Makatsch) lernen loszulassen. Sie erkennen, dass selbst ein kurzes Leben erfüllt sein kann. Von Kameramann Torsten Breuer in warmes Sommerlicht getaucht und von melancholischen Songs begleitet, sieht das nicht nur farbenprächtig aus, sondern verströmt eine ausgelassene Stimmung. Und doch fehlt etwas.

Die richtige Dynamik zwischen den Figuren stellt sich erst nach einem Stotterstart ein. Und so gut die zwei Paare mit zunehmendem Verlauf vor der Kamera auch funktionieren, so toll und einnehmend Sinje Irslinger ihre Hauptrolle auch ausfüllt, einige Irritationen bleiben bis zum Schluss. Dass Til Schweigers Figur ein Pastor ist, nimmt man ihm nie ab. Das größte Manko ist jedoch das Ausblenden der Themen Krankheit und Tod. Erkaus Film beruht auf dem gleichnamigen Buch von Frank Pape, der darin die letzten 296 Tage seiner todkranken Tochter schildert. In ihrem Drehbuch nehmen sich Tommy Wosch und Katja Kittendorf nicht nur viele Freiheiten, sie haben ihre Handlung auch auf wenige Tage nach der Diagnose beschränkt. Dass Steffi in dieser Zeit keinerlei Symptome zeigt, macht den Krebs fürs Publikum ziemlich leicht verdaulich.

Fazit: André Erkaus neuer Spielfilm, der auf dem gleichnamigen Buch von Frank Pape basiert, ist ein tragikomisches Roadmovie über das Leben und Sterben. Der Film ist ausgezeichnet fotografiert, versiert inszeniert und gut bis durchwachsen gespielt. Das größte Manko ist, dass die Folgen der Krebserkrankung, die den Roadtrip überhaupt erst in Gang setzen, bis zum Schluss ausgeblendet werden. So tragisch die Diagnose auch sein mag, deren Konsequenzen wirken stets etwas (zu) weichgespült.




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