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Albrecht Schnider - Was bleibt
Albrecht Schnider - Was bleibt
© mindjazz pictures

Kritik: Albrecht Schnider - Was bleibt (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Albrecht Schnider malt eine schwarze Schnur auf weißer Leinwand, wie aus dem Handgelenk. Hinauf geht der Pinselstrich gerade, hinab in spontanen Schnörkeln. Fertig ist das Bild, doch es wird sofort vom Künstler weggewischt. Seit 14 Tagen geht das so. Schnider gefällt nicht, was er sieht. "Auf der sprachlichen Ebene wäre es einfach nur Geschwätz", sagt er der Dokumentarfilmerin Rita Ziegler. "Aber ich suche etwas, was existiert." Schnider hat jedoch gar keine Form vor Augen, die er abbilden will, sondern ist einfach neugierig, was aus dem Impuls entsteht.

Dieser Künstler scheint ein Mann der Gegensätze zu sein. Die geschwungenen Pinselstriche sehen so experimentell aus, aber sie dürfen nicht beliebig wirken. Ziegler, die den Künstler über einen Zeitraum von drei Jahren in seinem Atelier besucht und zu Ausstellungen begleitet hat, ist selbst Bildhauerin. Der künstlerische Schaffensprozess interessiert sie, wie ihre Fragen aus dem Off erkennen lassen, in besonderer Weise. Wann weiß Schnider, dass sein Werk fertig ist?

Schnider gibt bereitwillig Auskunft, doch seine schöpferische Tätigkeit bleibt in ihrer Subjektivität stets ein Stück weit rätselhaft. Auch in seiner Biografie scheinen die Gegensätze angelegt zu sein. Schnider entstammt einer Schweizer Bauernfamilie. Einige seiner Bilder zeigen ländliche Motive, zum Beispiel einen Hirten mit seinen Schafen und dem kleinen Sohn, der eine Palette in der Hand hält. Schnider besuchte später ein katholisches Internat, welches er "ein gutes geistiges Biotop" nennt. Die Flure, in die die Kamera späht, strahlen die strenge Ordnung aus, die dort geherrscht haben mag. Schnider geht mit eiserner Disziplin ans Werk, auch wenn es noch so spielerisch entstehen mag.

Außer dem Künstler selbst kommen in diesem schön komponierten Film wenige andere Menschen zu Wort. Seine Frau spricht ein paar Sätze, sein Berliner Galerist, eine Kunsthandwerkerin, die seine großen Acrylbilder fertigstellt, Besucher der New Yorker Ausstellung. An der Berner Hochschule der Künste bespricht Schnider mit zwei seiner Studenten ihre Bilder. Einer von ihnen sagt, er befinde sich in einer Schaffenskrise und Schnider antwortet, "Krise heißt bei uns Fortschritt".

Zieglers filmisches Künstlerporträt weist eine interessante Spannung auf. Das liegt immer wieder auch daran, dass die Kreativität, die sich vor der Kamera entfaltet, beschwingt und anregend, aber nicht automatisch zugänglich wirkt.

Fazit: Die Dokumentarfilmerin Rita Ziegler schaut dem Schweizer Maler Albrecht Schnider beim Arbeiten in seinem Atelier zu. Auf rätselhafte, paradox anmutende Weise ist der Künstler lange unzufrieden mit den spontanen Pinselstrichen, von deren Form er sich selbst überraschen lassen will. Schnider, der an der Berner Kunsthochschule lehrt und unter anderem in New York und Berlin ausstellt, gibt bereitwillig Auskunft über seine Arbeitsweise und seine Motivation. Dem Film gelingt eine spannend zwischen Annäherung und Verwunderung wechselnde Auseinandersetzung mit seinem Werk.




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