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Monos - Zwischen Himmel und Hölle
Monos - Zwischen Himmel und Hölle
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Kritik: Monos - Zwischen Himmel und Hölle (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Einführende Hinweise, prägnante Charakterprofile und klare Ziele – all das, was im klassischen Erzählkino gang und gäbe ist, lässt Alejandro Landes zu Beginn seines Guerilla-Dramas "Monos – Zwischen Himmel und Hölle" außer Acht. Unvermittelt schleudert uns der in Brasilien geborene Regisseur und Drehbuchautor in das Geschehen hinein und konfrontiert uns mit einigen Teenagern, die irgendwo in einer nicht näher genannten Bergregion in Südamerika hausen und ein hartes Training absolvieren. Bei den Halbstarken handelt sich um eine kleine Rebelleneinheit, die in der Abgeschiedenheit des Hochlandes auf eine US-Geisel (Julianne Nicholson) aufpassen. Wem genau die Jugendlichen dienen und warum, erfahren wir allerdings nicht. Erwähnt wird bloß eine ominöse "Organisation". Von ihr kommt auch der kleinwüchsige Mann (Wilson Salazar), der von Zeit zu Zeit mit strengem Blick die Kampfübungen der Truppe und ihre Disziplin überwacht. Wie sich zeigt, nehmen es die jungen Krieger mit Zucht und Ordnung jedoch nicht allzu ernst, sobald der Bote wieder verschwunden ist.

Dass der Zusammenhalt auf äußerst fragilen Füßen steht, wird deutlich, als es während einer ausgelassenen Feier am Lagerfeuer zu einem bösen Missgeschick kommt. Anführer Lobo (Julián Giraldo) bringt sich daraufhin um, und die Gruppe beschließt, der Organisation eine Lüge aufzutischen. Nachdem die Mädchen und Jungen notgedrungen ihr Versteck in den tiefer gelegenen Regenwald verlagert haben, ist der Selbstzerfleischungsprozess nicht mehr aufzuhalten.

Inspiriert von William Goldings einflussreichem Roman "Herr der Fliegen" (1954), der mehrfach offen zitiert wird, konzentriert sich Alejandro Landes auf die Dynamiken innerhalb des abgebrannten Teenagerhaufens. Die Hintergründe der Figuren geraten, wenn überhaupt, bloß schemenhaft in den Blick. Und doch schafft es der Film, echtes Interesse für seine ungezähmten Protagonisten zu wecken, indem er die Auswirkungen des nebulös bleibenden Krieges und der ständigen Gewalterfahrungen auf die minderjährigen Partisanen beleuchtet. Die Kämpfer mögen sich noch so hart und rücksichtslos geben. Viele von ihnen tragen dennoch große Ängste und eine Sehnsucht nach Geborgenheit mit sich herum. Daran lassen einige tief unter die Haut gehende intime Momente keinen Zweifel.

Mit seinem archaischen Anstrich, seinen atmosphärischen, manchmal einschüchternden Landschaftsbildern und seinen Ausflügen ins Surreale erinnert das Überlebensdrama sicher nicht von ungefähr an Werner Herzogs fiebriges Dschungelabenteuer "Aguirre, der Zorn Gottes" (1972). Ähnlich wie dort avanciert der dichte Urwald mit seinen reißenden Flüssen zu einem eigenen Handlungsträger, wobei das markante Sounddesign entscheidend zum direkten Erleben beiträgt. Dass man sich dem eigenwilligen Sog von "Monos – Zwischen Himmel und Hölle" nur schwer entziehen kann, liegt freilich auch an der überzeugenden Schauspielriege. Ohne den furchtlosen, temperamentvollen Einsatz der Darsteller wäre der Film sicher nur halb so aufwühlend.

Fazit: Stimmungsvoll, wild, visuell berauschend und eindringlich gespielt – Alejandro Landes gelingt ein packendes Rebellendrama, das gekonnt Motive aus William Goldings Literaturklassiker "Herr der Fliegen" aufgreift.




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