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Kritik: Pause (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

In ihrem Spielfilmdebüt schildert die zypriotische Regisseurin Tonia Mishiali das Drama einer Frau, zu dem sie von vielen weiblichen Biografien aus ihrer Heimat inspiriert wurde. Mit dem fiktiven Schicksal Elpidas – der Name bedeutet übersetzt Hoffnung, wie die Protagonistin selbst im Film erklärt -, zeigt Mishiali beispielhaft auf, in welcher Abhängigkeit vom Ehemann all jene Frauen leben, die dem traditionellen Rollenbild folgen. Elpidas Tochter ist aus dem Haus, der Ehemann spricht sie nur an, wenn er bedient werden will. Er legt ihr Haushaltsgeld hin, verweigert ihr jeden Wunsch, den sie zaghaft wie eine Bittstellerin äußert.

Elpida geht verhärmt, ja sogar wie in Schockstarre, mit eingefrorener Miene durch die Gegend. Was kann sie noch vom Leben erwarten, wird ihr Mann ihr weiter jeden Plan, jede Freude verbieten? Wird sie noch jemals heißen Sex haben und hören, wie attraktiv sie sei? Und Elpida kann tatsächlich attraktiv sein. Das Interesse des jungen Malers beflügelt ihre Fantasie und wenn sich Elpida gerade stark und frei fühlt, Lebenslust durch ihren Körper strömt, verändert sich ihr Ausdruck auffallend.

Stela Fyrogeni spielt beide Seiten Elpidas hervorragend, die unternehmungslustige, lebenshungrige, sowie vor allem ihre gewohnte der Niedergeschlagenheit. Elpida begibt sich in eine Art innerer Quarantäne, sie steht oft im Morgenmantel da, schaut abwesend, oder setzt auf der Straße langsam, mechanisch, einen Fuß vor den anderen. Ihr dramatisches Abenteuer ist eines, das implodiert. Sie schneidet Costas das Fernsehkabel durch, bewirft ihn mit Essen, äußert ihre Wut in Worten – und muss sich im nächsten Moment oft wundern, weil das meiste davon nicht geschah.

Auch Costas‘ nerviger Papagei, den sie loswerden will, fliegt nicht weg – wie sie selbst vertraut er nicht darauf, dass es eine Existenz jenseits des Käfigs geben könnte. Die traurige Bürde, die Elpida zu tragen hat, wird immer wieder durch bissigen Humor aufgelockert, so dass der Film nicht im Elend versinkt, sondern eher subversiv, rebellisch wirkt. Mishiali dekliniert in Elpidas depressiver Auszeit – der Filmtitel scheint sich auf sie und zugleich die Menopause zu beziehen – in Gestalt ihrer Fantasien auch die abwegigsten Varianten durch, wie die Selbstbefreiung vollzogen werden könnte. Elpida wird nach dieser inneren Erkundungsreise nicht mehr die gleiche sein.

Fazit: Wenn eine Frau in die Wechseljahre kommt, wird ihr das eigene, traditionell stark auf Attraktivität basierende Rollenverständnis leicht zum Feind. Die Heldin in diesem bewegenden Emanzipationsdrama der zypriotischen Regisseurin Tonia Mishiali aber hat noch einen anderen mächtigen Feind, ihren Ehemann, der ihr keine Wertschätzung schenkt. Die Hausfrau zieht sich immer mehr in eine innere Welt zurück, in der sie den Ausbruch probt. Tragik und Sarkasmus, Realität und Fantasie wechseln sich ab und vermischen sich, während in der Heldin eine unbändige Kraft heranwächst, die auch in die Selbstzerstörung führen könnte.




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