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Another Reality
Another Reality
© Der Filmverleih GmbH

Kritik: Another Reality (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Immer wieder ist von Familienclans aus dem arabischen Sprachraum und von migrantischen Parallelgesellschaften in Deutschland die Rede. Wie junge Männer in einem solchen Milieu leben, ist vielen Deutschen, die nicht zum gleichen Kulturkreis gehören, unbekannt. Denn sie haben keinen Zugang zu diesen gewachsenen Wertegemeinschaften, in denen Beziehungen und Familienzusammenhalt die zentrale Rolle spielen. Die beiden Dokumentarfilmer Noël Dernesch und Olli Waldhauer haben fünf Männer mit arabischen oder iranischen Wurzeln über einen Zeitraum von mehr als drei Jahren mit der Kamera begleitet.

Die Filmemacher beobachten Ahmad, Agit, Sinan, Parham und Kianush in ihrem Alltag und lassen sie erzählen. Die Männer sprechen über kriminelle Erfahrungen und den Wunsch, schnell reich zu werden. Sie erzählen über die Unterstützung, die sie von Onkeln und Cousins bekommen, den Beistand, der von ihnen selbst erwartet wird, etwa wenn ein Angehöriger "Stress" mit einem anderen Mann hat. Vor deutschen Gerichten hält man aber den Mund und verpfeift die Gegner nicht, sagt einer.

Die Männer legen Wert auf Muskeln, gutes Aussehen, schicke Autos. Einer fragt sich, was wohl ein deutscher Rentner so denke, wenn er ihn am Steuer seines teuren Autos sehe. Einerseits prahlen die Männer gerne mit ihrem Image als böse Jungs und ihrer Abneigung gegen ein langsames Sich-Hocharbeiten. Andererseits aber streben sie einen sicheren Status in der deutschen Gesellschaft an.

Die Männer treffen sich in Shisha-Bars, in die sich nie eine Frau verirrt. Ihr Alltag scheint sich, zumindest außerhalb der Wohnung, in reinen Männerbünden abzuspielen. Entsprechend kommen Frauen in diesem Film so gut wie gar nicht vor. Dafür aber handelt einer der Rap-Texte, die im Film beim Komponieren eines neuen Lieds entstehen, von der Liebe eines Mannes, der für seine Frau und ihre Ehre jederzeit bereit wäre, einen anderen zu töten.

Es ist unterhaltsam und lehrreich, diesen Machos in ihrem Alltag zuzuschauen, auch wenn der Film es versäumt, ihre Namen einzublenden. Oft bereitet es Schwierigkeiten, sie wiederzuerkennen und somit auch, ihrer individuellen Entwicklung zu folgen. Eine solche aber findet statt, ob nun als Kioskbetreiber oder HipHop-Millionär: Die Männer werden erwachsen, brennen nicht mehr dafür, über die Stränge zu schlagen.

Fazit: Die Dokumentarfilmer Noël Dernesch und Olli Waldhauer porträtieren fünf junge Männer, deren Leben sich in Deutschland fast vollständig in einer Parallelgesellschaft abspielt. Die Zuschauer erhalten seltene Einblicke in ein muslimisch-arabisches Milieu, in dem der Zusammenhalt der Großfamilie die zentrale Rolle spielt. Die Protagonisten haben in der Jugend über die Stränge geschlagen und zum Teil längere Hafterfahrung, doch nun wird es für sie Zeit, sich auf legale Weise zu beweisen. Der Film begleitet sie auf ihrem spannenden, konfliktreichen Weg zwischen männlichem Ehrbegriff, Statuswunsch, falschen Verlockungen und echten Träumen.




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