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Kritik: Sarita (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Mit einem ungewöhnlichen Filmprojekt, nämlich einem semidokumentarischen Musical, erzählt der italienische Regisseur Sergio Basso vom Schicksal der Lhotshampa. Rund 100000 Angehörige des Volksstammes, die in den 1990er Jahren aus Bhutan vertrieben wurden, kamen in Flüchtlingslagern in Nepal unter. Inzwischen harren dort noch weniger als 10000 von ihnen aus – die anderen wurden im Rahmen von internationalen Umsiedlungsmaßnahmen in die USA und andere Länder gebracht. Wie die junge Heldin der von Laien aus dem Camp gespielten Geschichte leiden viele Lagerbewohner darunter, dass sich die internationale Öffentlichkeit wenig für ihr Schicksal zu interessieren scheint.

So leistet der engagierte, schwungvolle Film auch ein Stück Wiedergutmachung. Indem die fiktionale Filmheldin Sarita in Gesprächen mit anderen viel über die gemeinsame Geschichte, die individuellen und kollektiven Nöte erfährt, entsteht ein Dokument für die Nachwelt. Sarita nimmt, bevor sie umgesiedelt wird, die Lieder der Kinder und der Erwachsenen im Lager auf Tonband auf, filmt Gesichter. Denn die Befreiung aus dem Lager ist nur um den Preis einer zweiten Entwurzelung zu haben. Sarita macht das wütend. Aufmüpfig gibt sie den Respektspersonen Widerworte und prangert Versäumnisse an. Mit diesem Charakter bekommt der Film eine schnippische, fast schon bissige sozialkritische Note. Zugleich ähnelt Sarita, gespielt von der Campbewohnerin Sasha Biswas, mit ihrem frischen Selbstbewusstsein Altersgenossen und -genossinnen auf der ganzen Welt.

Basso ließ die traditionell gefärbten Tänze der Jugendlichen für den Film stilistisch aufpeppen. Beim Waschen der Kleidung am Fluss oder auf den staubigen Straßen singen und tanzen die Teenager mit kraftvollem Ausdruck. Die Kamera fängt viele Alltagsszenen ein, die zum Teil auch sehr originell künstlerisch weitergesponnen werden, beispielsweise in einer Performance über die Rationierung der Lebensmittel. Mit seiner Kreativität richtet der Film sein Augenmerk auf die Jugendlichen, die versuchen, eine Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft zu schlagen. Er entreißt ihre Hoffnungen, ihr Lächeln, ihre Kraft dem mahlenden Strom der Zeit für einen würdigenden Schnappschuss.

Fazit: Der italienische Regisseur Sergio Basso hat in einem nepalesischen Flüchtlingscamp ein semidokumentarisches Musical gedreht, das auf das Schicksal der aus Bhutan vertriebenen Lhotshampa aufmerksam macht. Von der Weltöffentlichkeit weitgehend ignoriert, ist eine in den Lagern geborene Generation herangewachsen, die den Traum der Eltern von der Rückkehr in die Heimat scheitern sieht. Die Frage nach der eigenen Identität wird für die Jugendlichen – verkörpert durch die Filmheldin – noch dringlicher im Zuge einer Umsiedlungsaktion. Der Film vertieft sich in das Alltagsleben und die kulturellen Traditionen und nähert sich dabei schwungvoll und kreativ dem Lebensgefühl der jungen Campbewohner an.




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