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Der einzig wahre Ivan
Der einzig wahre Ivan
© Walt Disney Studios Motion Pictures Germany

Kritik: Der einzig wahre Ivan (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Auf dem Papier hat dieser Film alles, um die Kinokassen klingeln zu lassen. Schließlich verfährt er nach der altbewährten Disney-Erfolgsformel: Man nehme eine bekannte Buchvorlage und setze diese mit Herz, Humor und Familienwerten um. Dass die Vorlage noch dazu nicht nur auf wahren Begebenheiten beruht, sondern auch noch von einem Gorilla handelt, der sein künstlerisches Talent entdeckt, scheint der Jackpot zu sein. Bis ins Kino schaffte es Thea Sharrocks zweiter abendfüllender Spielfilm allerdings gar nicht. Und auch sonst lässt die Mischung aus Realfilm und computergenerierten Bildern zu wünschen übrig.

Der Kinostart war für August 2020 geplant. Wegen der Corona-Pandemie veröffentlichte der Unterhaltungskonzern den Film stattdessen im September 2020 auf dem hauseigenen Streamingportal Disney+. Eine Strategie, die kurz zuvor bereits mit dem Online-Start der Realverfilmung von "Mulan" (2020) von Erfolg gekrönt war. Die zeitliche Nähe der beiden Veröffentlichungen barg aber auch Gefahren. Im Medienrummel um "Mulan" ging "Der einzig wahre Ivan" unter. Ironischerweise sind beide Filme nun in der Kategorie "Beste visuelle Effekte" für einen Oscar nominiert. Die nur aus Einsen und Nullen bestehenden Tiere sind denn auch das Pfund, mit dem dieser Familienfilm wuchern kann.

Über Sinn und Unsinn all der Realverfilmungen alter Zeichentrickfilme lässt sich trefflich streiten. Braucht eine neue Generation Heranwachsender wirklich eine Neuauflage von "The Jungle Book" (2016), "Der König der Löwen" (2019) oder "Dumbo" (2019)? Vor allem dann, wenn die Tiere darin auch ohne Sehhilfe problemlos als computergenerierte und somit künstlich erzeugte Wesen zu erkennen sind? Worin besteht der Zauber dieser Bilder? Im Vergleich zu diesen Filmen hat "Der einzig wahre Ivan" zwei Vorteile: Zum einen ging ihm kein Zeichentrickfilm voraus, dessen Abgleich er nun standhalten muss. Und zum anderen ist die Computertechnik so gut und sind die Tiere so hervorragend gesprochen (im Original übernehmen das u. a. Sam Rockwell, Angelina Jolie, Danny DeVito, Helen Mirren und Chaka Khan), dass das Publikum im Handumdrehen vergisst, hier keinen echten Tieren zuzusehen.

Auch die Kostüme und die Ausstattung können sich sehen lassen. Mit Gespür für Zeitkolorit, ohne dabei jedoch zu sehr in Nostalgie zu baden, lässt der Film die Neunzigerjahre vor den Augen der Zuschauenden wieder auferstehen. Die Regisseurin Thea Sharrock, die zuvor mit dem Melodrama "Ein ganzes halbes Jahr" (2016) überzeugte, nimmt sich Zeit, die Orte, Figuren und deren Beziehungen einzuführen. Ein großer Pluspunkt, der vielen zeitgenössischen Produktionen allzu oft abgeht.

Für einen wirklich gelungenen Familienfilm überzeugen drei Dinge jedoch nicht vollends: das Drehbuch, die Charaktere und die (menschlichen) Schauspieler. So ruhig, ja geradezu klassisch Drehbuchautor Mike White ("School of Rock", 2003) – der im Film übrigens den Seelöwen Frankie spricht – die Handlung beginnen lässt, ebenso unvermittelt, überhastet und vollkommen reibungslos geht sie im letzten Akt auch zu Ende. Hier wären ebenso mehr Widerstände und Widerhaken nötig gewesen wie bei der Figurenzeichnung.

Was diesem Film überdeutlich fehlt, ist ein Bösewicht. Bryan Cranstons Figur des Zirkusdirektors hätte Potenzial dafür gehabt. Doch traut sich Whites Drehbuch nicht, auch nur irgendeine Figur allzu unsympathisch zu zeichnen. Selbst Ivan reagiert auf die Konkurrenz durch Ruby nicht ansatzweise eifersüchtig. All dieses vernünftige Verhalten ist löblich, darunter leiden aber letztlich die Dramaturgie und das Schauspiel. Zwar ist Cranston sichtlich bemüht, alles aus seinem Charakter herauszuholen, und sein zuvor beispielsweise in der Sitcom "Malcolm in the Middle" (2000-2006) gezeigtes komödiantisches Talent blitzt auch hier auf, an seine Paraderolle als Walter White in der Fernsehserie "Breaking Bad" (2008-2013) kommt Cranston auf der großen Leinwand aber auch dieses Mal nicht heran.

Fazit: "Der einzig wahre Ivan" ist ein unterhaltsamer und herzensguter Familienfilm, der aber erstaunlich wenige Ecken und Kanten besitzt. Ein Bösewicht etwa fehlt dem Film gänzlich, worunter die Dramaturgie und das Schauspiel leiden. So überzeugend die visuellen Effekte auch sein mögen, am Ende spielen die computergenerierten Tiere ihre menschlichen Pendants an die Wand. Etwas ausgewogener hätte es schon sein dürfen.




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