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Doch das Böse gibt es nicht
Doch das Böse gibt es nicht
© Grandfilm

Kritik: Doch das Böse gibt es nicht (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Die Coronapandemie hat diesen Film ausgebremst. Kurz bevor alles stillstand, gewann "Doch das Böse gibt es nicht" Anfang März 2020 den Goldenen Bären der 70. Berlinale. Statt seinen Triumphzug durch die Programmkinos anzutreten, machten die Kinos erst einmal dicht. Wenn Mohammad Rasoulofs Episodendrama mit einem Jahr Verspätung jetzt endlich startet, dann war der Gewinner der 71. Berlinale, Radu Judes "Bad Luck Banging or Loony Porn", bereits in den Kinos zu sehen. Cinephile sollte das nicht abhalten. Rasoulofs Film ist nicht nur der bessere, sondern auch ein Muss für alle, die an politischem Kino oder einfach nur an gutgemachten Dramen interessiert sind.

Den Goldenen Bären konnte Rasoulof im vergangenen Jahr nicht selbst entgegennehmen. Das iranische Regime hatte ihm keine Reiseerlaubnis erteilt. Bereits sein zweiter Langfilm "Eiserne Insel" (2005) wurde von der Zensurbehörde kritisch beäugt. Seither trifft der 1973 geborene Regisseur permanent auf Widerstände. Er wurde bereits zweimal zu Haftstrafen verurteilt, die nicht vollzogen wurden. Kurz nach der Berlinale 2020 wurde er zudem mit einem Berufsverbot belegt. Der Vorwurf lautete auf "Propaganda gegen das System". In seinem Film zeigt Rasoulof, was dieses System aus den Menschen macht.

An Rasoulofs Stelle nahm seine Tochter Baran den Preis entgegen. Baran Rasoulof ist selbst Teil des Films. In der vierten und letzten Episode spielt sie die in Deutschland aufgewachsene Medizinstudentin Darya, die ihren Onkel im Iran besucht. Es ist der Schlusspunkt eines klug und pointiert geschriebenen Dramas, dessen Einzelepisoden für sich kleine Kunstwerke sind und sich in ein kunstfertig zusammengesetztes Gesellschaftsmosaik fügen.

Die übergeordneten Themen, welche die nur sehr lose verknüpften Episoden zusammenhalten, sind der Militärdienst und die Todesstrafe. Vor diesem Hintergrund verhandelt Rasoulof die Frage nach Schuld und Sühne, nach Pflichterfüllung und Pflicht zum Widerstand. Wie viel freien Willen hat der Mensch in einer Gesellschaft, die auf Zwang basiert? Das von Rasoulof selbst verfasste Drehbuch geht aber noch einen entscheidenden Schritt weiter. Die Figuren und ihre Lebensläufe ähneln einander. Obwohl jede Episode von anderen Menschen erzählt, könnten es auch unterschiedlich alte Versionen voneinander sein. Dadurch bewahrt sich der Film etwas Rätselhaftes und nicht vollständig Auflösbares, eine unbestimmte, nur schwer greifbare Stimmung, weil der Eindruck erweckt wird, hier vier verschiedenen Geschichten und gleichzeitig nur einer einzigen Geschichte aus vier verschiedenen Perspektiven zuzusehen.

Jede Episode ist ein wenig anders erzählt und gestaltet. Die erste Geschichte, die dem Film den Titel gibt, zeigt den Tagesablauf ihres Protagonisten beinahe dokumentarisch, visuell nur vom Rot und Grün der Ampeln und Kontrollleuchten durchbrochen, die das Leben in seinen banalsten und fatalsten Momenten regeln. Die zweite Geschichte ist hingegen wie ein Echtzeit-Thriller inszeniert, an entscheidenden Stellen von perkussiver Musik vorangetrieben. Und während die dritte Episode mit metaphorischen Bildern angereichert von Liebe und Verlust erzählt, ist die vierte eine Meditation über die Vergänglichkeit.

Toll fotografiert und mitreißend, aber nie aufdringlich gespielt, sind die einzelnen Episoden perfekt getimt. Wäre "Doch das Böse gibt es nicht" ein Film mit nur einer einzigen Handlung, dann wäre er mit einer Laufzeit von 150 Minuten zu ausufernd geraten. Auf vier Episoden aufgeteilt, ist dieses Drama aber keine Minute zu lang. Rasoulofs Film hat Zeit, zu atmen und seine emotionale Wucht ganz gemächlich zu entfalten.

Fazit: Mohammad Rasoulof, der bereits mit "Auf Wiedersehen" (2011) und "A Man of Integrity" (2017) internationale Erfolge feierte, hat mit "Doch das Böse gibt es nicht" seinen bislang besten Film vorgelegt. Dieses klug und pointiert geschriebene, toll fotografierte und beeindruckend gespielte Episodendrama hat nicht nur 2020 den Goldenen Bären der Berlinale gewonnen, es ist auch ein Muss für alle, die an politischem Kino und exzellenten Dramen interessiert sind.




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