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Contemporary Past - Die Gegenwart der Vergangenheit
Contemporary Past - Die Gegenwart der Vergangenheit

Kritik: Contemporary Past - Die Gegenwart der Vergangenheit (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Als Tontechniker, Darsteller und Übersetzer wirkte "Contemporary Past"-Regisseur Kamil Majchrzak in den vergangenen Jahren an unterschiedlichsten Filmprojekten mit. Darunter der Spielfilm "Am Ende kommen Touristen" (2006) oder die Doku "Die wundersame Welt der Waschkraft" (2007) von Hans-Christian Schmid. Für "Contemporary Past" ließ er 22 Schülerinnen und Schüler aus Polen, Rumänien und Deutschland im KZ Buchenwald unweit von Weimar aufeinandertreffen.

Majchrzak ist mit seiner Kamera stets ganz dicht bei den Schülern und filmt ihnen (dennoch jederzeit mit dem nötigen Respekt) direkt über die Schulter, wenn sie sich dem Ort des Grauens allmählich annähern und wenig später mit der dunklen Geschichte des KZ Buchenwald unmittelbar konfrontiert werden: Auf dem ehemaligen Gelände, in der Dauerausstellung im größten Gebäude des "Schutzhaftlagers" beim Betrachten der Habseligkeiten der Opfer und auf dem monumentalen, überlebensgroßen Mahnmal Buchenwald mit dem bekannten Glockenturm und den Gräbertrichtern.

Geduldig und umsichtig spürt er in Gesprächen mit Schülern aber ebenso mit Hinterbliebenen und heutigen Rom und Sinti den Empfindungen aller Befragten nach. Dabei geben sich vor allem die Schüler beachtlich reflektiert und informiert, wenn sie etwa äußern, dass die Geschichte der Roma und Sinti auch "unsere eigene Geschichte" sei und man Verantwortung für die Schrecken sowie die Unmenschlichkeit der vergangenen Taten übernehmen müsse – gleichsam die junge Generation. Eine 17-jährige Schülerin erläutert an anderer Stelle, wie sich Vergangenheit und Gegenwart ganz unmittelbar bedingen und Auswirkungen aufeinander haben.

Nebenbei erfährt man einiges über die Geschichte der Sinti und Roma in Europa und man erhält zudem einen Einblick in das Leben sowie den Alltag von Flüchtlingen und heutigen Sinti und Roma, die nicht selten irgendwo am Straßenrand in schäbigen, verfallenen Unterkünften hausen. Somit schlägt "Contemporary Past" gekonnt den Bogen in unsere Zeit, in der Hass gegen Minderheiten und Vorurteile gegenüber anderen Ethnien und Volksgruppen wieder zunehmen.

Auch die Fragen, die die einstündige Doku aufwirft sind essentiell und machen eine nähere Betrachtung unabdingbar: Was haben wir aus der Zeit des Nazi-Terrors gelernt? Wie gehen wir heute, 75 Jahre nach Kriegsende, mit Minderheiten um? Wie wird die Erinnerungskultur gelebt? Und wie kann jene Erinnerung an den NS-Rassenhass und Rassenvernichtung erhalten bleiben, wenn die letzten Überlebenden in wenigen Jahre nicht mehr unter uns weilen und davon berichten können?

Fazit: Eindringliche, tiefgehende Doku, die trotz ihrer kurzen Laufzeit die komplexe Thematik allumfassend und mit Feingefühl behandelt.




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