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Kritik: Matthias & Maxime (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Xavier Dolan legte sein Regiedebüt "I Killed My Mother" (2009) mit nur 20 Jahren vor. Seither galt er als Wunderkind und Festivalliebling. Seine Filme liefen in Cannes, Venedig und Toronto. Dass der 1989 geborene Frankokanadier zu Großem fähig ist, hat er mit herzzerreißenden Dramen wie "Laurence Anyways" (2012) und "Mommy" (2014) bewiesen. Letztgenannter wurde in Cannes mit dem Preis der Jury ausgezeichnet, den sich Dolan mit keinem Geringeren als Altmeister Jean-Luc Godard für dessen Film "Adieu au Langage" (2014) teilte.

Bis hierhin ging die Karriere des seinerzeit gerade einmal 25-Jährigen nur nach oben. Dann folgten mit "Einfach das Ende der Welt" (2016) und Dolans englischsprachigem Debüt "The Death and Life of John F. Donovan" (2018) zwei Filme, die bei der Kritik nicht sonderlich bis gar nicht gut ankamen. Mit "Matthias & Maxime" meldet sich das Multitalent, das seine Filme meist auch selbst schreibt, produziert und schneidet, zurück, findet allerdings noch nicht zu alter Form.

Wie so oft steht Dolan auch in diesem Film vor der Kamera. Er spielt Maxime, der seit einer gefühlten Ewigkeit mit Matthias (Gabriel D'Almeida Freitas) befreundet ist. Ein Kuss auf einer Party, den die zwei für den Kurzfilm einer eingebildeten Filmstudentin inszenieren, verändert die Dynamik in ihrer Beziehung. Die Spannungen nehmen zu, weil sich die zwei Sandkastenfreunde ihre Liebe nicht eingestehen wollen. Und wie so oft bei Dolan übersetzt das einstige Wunderkind dieses Gefühlschaos in kleine audiovisuelle Höhepunkte. Dann verliert sich Matthias bei einem morgendlichen Bad im See in einem Strudel aus Wasser, Schnitten und klassischer Musik oder Maxime blickt bei einem nächtlichen Spaziergang in fremde, perfekt kadrierte Wohnzimmer – und Blätter und Schnee rieseln bevorzugt in Zeitlupe zu Popsongs herab.

Dolans beste Filme provozieren, weil sie sowohl die Sehgewohnheiten des Publikums herausfordern als auch dessen Nervenkostüm strapazieren. Sie experimentieren mit ihrer Form, indem sie die Ästhetik von Musikvideos munter mit ungewöhnlichen Einstellungen mischen. Und sie stürzen das Publikum mitten hinein in einen Gefühlsstrudel, der sich häufig lautstark und unangenehm nah zwischen den Figuren abspielt. Dolans jüngster Film wirkt wie ein Best-of aus all seinen vorangegangenen Filmen und gleichzeitig wie eine abgespeckte Version davon. Insgesamt ist das viel ruhiger. Aber ist es auch reifer?

Was seine Figurenzeichnung anbelangt, macht Xavier Dolan einen Schritt nach vorn und zwei zurück. Seine titelgebenden Protagonisten sind wie der Filmemacher älter geworden und dürfen sich auch so verhalten. An den Frauenfiguren um sie herum hat Dolan hingegen keinerlei Interesse. Hier reiht sich ein stereotypes Mutterbild ans nächste, was zwar als augenzwinkernde Satire verstanden werden kann, sich allerdings mit dem dramatischen Überbau beißt. Selbst die intensivsten Szenen zwischen Maxime und dessen Mutter Manon verpuffen, weil Dolan hier nichts Besseres einfällt, als bereits zuvor bei ihm Gesehenes zu variieren. Nicht einmal die Schauspielerin wechselt er dafür. Es ist abermals Anne Dorval, die die Rabenmutter gibt.

Im bisherigen Werk des immer noch jungen Xavier Dolan wirkt "Matthias & Maxime" wie ein Übergangsfilm. Auf der Suche nach einer neuen Handschrift tastet sich der Regisseur verunsichert voran. Dieses Drama könnte den Abschied von seinem audiovisuell ausufernden Coming-of-Age-Kino bedeuten. Ob es auch einen Neuanfang markiert, werden seine nächsten Filme zeigen.

Fazit: Im inzwischen acht abendfüllende Spielfilme umfassenden Werk des erst 32-jährigen Xavier Dolan nimmt "Matthias & Maxime" einen Platz im Mittelfeld ein. Der als Wunderkind gefeierte Regisseur brennt diesmal kein audiovisuelles Feuerwerk ab. Er erzählt ruhiger, aber nicht zwangsläufig reifer. Vor allem seine eindimensional geschriebenen Nebenfiguren enttäuschen. "Matthias & Maxime" ist ein einfühlsames Beziehungsdrama, das von der Schwelle der Adoleszenz zum endgültigen Erwachsenwerden erzählt. Dabei wirkt der Film selbst wie ein Übergang zu einer möglichen neuen Schaffensphase.




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