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Borat 2
Borat 2
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Kritik: Borat 2 (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 1 / 5

Die Probleme von "Borat 2" offenbaren sich schon beim Versuch, den Inhalt irgendwie zusammenzufassen: Der Fortsetzung von Sacha Baron Cohens Geniestreich aus dem Jahr 2006 fehlt völlig der rote Faden, sowohl erzählerisch, als auch tonal. Auf die bereits geschilderten Episoden folgen unzählige weitere, die in keinem dramaturgisch nachvollziehbaren Zusammenhang stehen und den Film völlig chaotisch und struktorlos erscheinen lassen: Eine Aneinanderreihung loser Ideen, manche besser, manche schlechter, die kein Ganzes ergeben. Denn während der bereits geschilderten Handlung gibt es eine Sequenz, in der Borat (Cohen) während der Corona-Pandemie Unterschlupf bei irren Trump-Supportern sucht, ein anderes Mal verkleidet er sich als Hillbilly, um nicht erkannt zu werden, dann wieder schleicht er sich als klischeehaft bis zur Schmerzgrenze verkleideter "Jude" in eine Synagoge, wo er auf Holocaust-Überlebende trifft.

Auch Tochter Tutar (Marja Bakalowa) bekommt, nachdem freigelassen, eigene Handlungsstränge: Bei einem Debütantinnenball von konservativen US-Frauen soll sie mit den Sitten des guten Anstands vertraut gemacht werden, nachdem die Weitergabe an Mike Pence scheitert, soll eine Brust-OP dabei helfen, sie Rudy Giuliani schmackhaft zu machen, der anscheinend auf blonde Frauen mit großer Oberweite steht. Und nachdem Borat sie bei einer "Babysitterin" abgegeben hat, klärt diese sie (scheinbar) über ihre Rechte als Frau auf. Alles in allem bewirken diese unzähligen und teilweise konfusen Ideen beim Zuschauer völlige Verwirrung. Der bemühte Versuch, die diversen Episoden in ein dramaturgisches Korsett zu pressen, misslingt den Autoren ordentlich.

Unstimmig ist "Borat 2" nicht nur inhaltlich, sondern auch tonal: War Teil 1 noch eine anarchistische Attacke auf alles und jeden und insbesondere die political correctness, dem man sein Anliegen abnahm, changiert Teil 2 zwischen geschmacklosen Witzen über Ethnien und Frauen und einem scheinbar pädagogischen politischen Anliegen, das sich an den US-Mainstream anbiedert, um so seine eigenen vorausgegangenen Respektlosigkeiten zu entschuldigen. So beschneidet sich der Film seiner eigenen humoristischen und subversiven Kraft und wird in seinem Ansinnen unglaubwürdig.

Dass all dies gar zu diversen Award-Nominierungen und -Auszeichnungen geführt hat, ist eher ein Armutszeugnis für die Verantwortlichen, denn preiswürdig ist an "Borat 2" höchstens die schon vorab vielfach diskutierte Szene zwischen der Film-Tochter und dem echten Rudy Giuliani, der sich bei einem Interview mit der gutaussehenden Blonden äußerst creepy verhält und sich schließlich in fragwürdiger Pose von den versteckten Kameras einfangen lässt, als er vor Tutar (Bakalowa) auf einem Bett liegend sich in die Hose fasst. Ob seine Erklärung, er hätte sich "nur das Mikrofon gerichtet", glaubwürdig ist, mag jeder für sich selbst beurteilen: Jedenfalls ist das einer der wenigen genuinen Borat-Momente im Film, wo der typische Anarcho-Humor seine Wirkung entfaltet, der Versuch gelingt, die Großen und Mächtigen aufs Glatteis zu führen und deren "dunkle Seiten" zu offenbaren.

Fazit: In sich unstimmig, opportunistisch, chaotisch und mit einer Menge unlustigem Füllmaterial zugekleistert: "Borat 2" ist ein Reinfall und kann nur in wenigen Momenten an die Anarcho-Humor-Highlights aus Teil 1 anschließen. Die Macher hätten sich und dem Publikum einen Gefallen getan, aus dem Material eine Miniserie mit mehren Teilen zu machen. So heißt es leider: Nicht genügend.




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