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Kritik: Nowhere Special (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Echte Tränenzieher sind selten geworden im Kino, denn melodramatische Stoffe finden inzwischen größtenteils im Fernsehen statt. Ab und an gibt es aber noch Filme, die nicht nur herzerwärmend sind, sondern einem beim Zusehen auch das Herz brechen. Uberto Pasolinis "Nowhere Special" zählt dazu. Seine Weltpremiere feierte er im vergangenen Jahr in der Sektion Orizzonti der Filmfestspiele von Venedig. Ein Heimspiel für Pasolini. Der Italiener hat ein Drama gedreht, das ganz ohne Melodramatik zu Tränen rührt.

Für den 1957 in Rom geborenen Pasolini ist das Filmemachen praktisch eine Familienangelegenheit. Auch wenn es sein Nachname nahelegt, ist er nicht mit Pier Paolo Pasolini (1922-1975) verwandt, dafür der Neffe des großen Luchino Visconti (1906-1976). Bereits als Jugendlicher verließ Pasolini Italien in Richtung England, wo er zwölf Jahre als Investmentbanker arbeitete. Mit Mitte 20 stieg er ins Filmgeschäft ein und arbeitet bis heute hauptsächlich als Produzent. Zu seinen größten Erfolgen zählt "Ganz oder gar nicht" (1997). Sein Debüt als Drehbuchautor und Regisseur gab er 2008 mit "Spiel der Träume" über eine Gruppe Sri Lanker, die sich als Nationalteam ausgibt, um an einem Handballturnier in Bayern teilnehmen zu können. Fünf Jahre später folgte mit "Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit" ein Drama über einen Sozialarbeiter mit einer sehr speziellen Aufgabe. Diesen sozialen Themen bleibt der Regisseur auch in seinem neuen Film treu.

Schon bei dem von Pasolini produzierten "Ganz oder gar nicht" bestand das Erfolgsrezept in einer Umkehr stereotyper Rollenbilder. Sechs Stahlarbeiter wurden arbeitslos. Die Ernährer der Familie stürzten in die Sinnkrise und heuerten als Stripper an, einer Profession, der vornehmlich Frauen nachgehen. In "Nowhere Special" erzählt Pasolini nun von einem todkranken Vater, der ein neues Zuhause für seinen vierjährigen Sohn sucht. Der ist nicht nur der Ernährer der Familie, sondern auch Mutter-Ersatz. Denn diese hat ihren Sohn kurz nach dessen Geburt beim Vater zurückgelassen. Der Kampf eines alleinerziehenden Elternteils gegen alle Widrigkeiten ist üblicherweise Frauensache. Pasolini kehrt die Konstellation in seinem Drehbuch einfach um.

Damit ist er nicht allein. In jüngster Zeit verschoben gleich mehrere Filme den Fokus von alleinerziehenden Müttern auf alleinerziehende Väter, etwa Barbara Otts ebenfalls in diesem Jahr gestarteter "Kids Run" (2020). Pasolini fügt dieser Prämisse nun aber die ultimative Konsequenz hinzu. Dass seine Hauptfigur sterben wird, ist unumkehrbar. Ein Happy End im Sinne einer Wunderheilung wird es nicht geben. Und trotzdem endet dieses Drama versöhnlich, weil der Vater ein passendes neues Zuhause für seinen Sohn findet. Wie es der Titel bereits andeutet, muss das kein besonderer Ort sein.

Das vorherbestimmte Ende erlaubt es Pasolini, unaufgeregt zu erzählen. Durch Marius Pandurus ruhige Kamera sieht er Vater und Sohn einfach beim Leben zu. Hinter der rauen Schale des Vaters mit Fünftagebart und tätowierten Armen verbirgt sich ein butterweicher Kern. Warum er sich nach außen so tough gibt, erfährt das Publikum wie so vieles in diesem klug geschriebenen Film erst scheibchenweise. Bei aller Tragik vergisst Pasolini zudem den Humor nicht. Der findet sich in ganz alltäglichen Glücksmomenten und in versteckten Seitenhieben gegen die Klassengesellschaft.

Pasolinis größte Kunst ist es aber, große Gefühle ohne große Gesten hervorzurufen. Es sind die kleinen Momente und clevere Bilder, die bewegen. Der von James Norton gespielte Vater ist Fensterputzer. Während ihm sein eigenes Leben vor unser aller Augen aus den Händen gleitet, sieht er bei seiner Arbeit anderen Menschen beim Leben zu. Er blickt in ihre Wohn-, Schlaf- und Kinderzimmer: ein gesellschaftlicher Querschnitt durch die Augen eines Außenseiters. Und während er zu Beginn des Films auf dem Weg zur Kindertagesstätte noch das Tempo vorgibt, ist es am Ende der Sohn, mit dem der Vater kaum noch Schritt halten kann und den er an die Hand nehmen muss.

So toll geschrieben und inszeniert dieses Drama auch ist – die dringend notwendigen Gespräche über den Tod entwickeln sich beispielsweise ganz natürlich –, es wäre alles umsonst, würde die Besetzung nicht passen. Mit James Norton als Vater, der seine eigenen Bedürfnisse vollkommen hinter das Wohl seines Kindes zurückstellt, und dem beim Dreh erst vierjährigen Daniel Lamont hat Pasolini den perfekten Cast gefunden. Vor Beginn der Dreharbeiten besuchte Norton Lamont mehrfach zu Hause, um eine gewisse Vertrautheit herzustellen. Im fertigen Film ist dieses Verhältnis in jeder Einstellung zu spüren. Und am Ende reicht ein Blick aus Lamonts Kulleraugen aus, um beim Publikum die Schleusen zu öffnen.

Fazit: Uberto Pasolini hat ein Drama gedreht, das ganz ohne Melodramatik zu Tränen rührt. In "Nowhere Special" blickt der italienische Filmemacher auf eine besondere Vater-Sohn-Beziehung, die von einer hochdramatischen Ausgangslage bestimmt wird. Wo andere auf große Gesten und Großaufnahmen setzen würden, setzt Pasolini einen ruhigen Ton. Ein bewegendes Drama, das durch seine stillen Momente besticht.




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