oder
Moffie
Moffie
© Salzgeber & Co. Medien GmbH

Kritik: Moffie (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Homosexualität im Militär ist kein neues Thema; ja selbst mit der Verortung dieser Geschichte betritt der Regisseur und Co-Autor Oliver Hermanus kein filmisches Neuland. Wie es sich anfühlt, in den 1980ern als Homosexueller seinen Wehrdienst in Südafrika zu leisten, hat Hermanus' Landsmann Christiaan Olwagen bereits 2018 in "Kanarie" geschildert. Der Erzählton ist jedoch grundverschieden. Während Olwagen einen schrillen Mix aus Coming-of-Age-Film und Musical bot, das bei aller Tragik den Humor nicht vergaß, geht Hermanus das Thema nach einer Buchvorlage von André Carl van der Merwe ernst an.

Hermanus' vierter abendfüllender Spielfilm legt stark los. Wenn sich der Zug mit den Rekruten durch urwaldartige Landschaften schlängelt, macht Braam du Toits beunruhigende Streichermusik klar, dass die blutjungen Männer auf dem Weg ins Herz der Finsternis sind. (Joseph Conrads gleichnamige Erzählung diente bekanntlich Francis Ford Coppolas "Apocalypse Now" als lose Vorlage.) Erzählerisch lässt "Moffie" dann allerdings an einen anderen Klassiker des Genres denken. Die Zweiteilung in Ausbildung und Kampfeinsatz, der Drill des rassistischen und sadistischen Vorgesetzten und was das alles nach sich zieht, erinnern doch sehr an Stanley Kubricks "Full Metal Jacket".

Kubricks vorletzter Film stammt aus dem Jahr 1987. Wer seither einen Kriegsfilm gedreht hat, der die militärische Grundausbildung zeigt, kam um dieses Meisterwerk als Referenzpunkt nicht herum. Hermanus gelingt es trotzdem, eigene Akzente zu setzen. Zum einen kreuzt er das Genre des Kriegsfilms mit dem des (queeren) Coming-of-Age-Dramas. Zum anderen bleibt seine Hauptfigur so verschlossen und lässt weder ihr Umfeld noch das Kinopublikum an ihren Gedanken teilhaben, dass sein Film auch als Werk gesehen werden kann, das Innerlichkeit vornehmlich über Äußerlichkeit erzeugt. Blicke, Körper, Landschaften spiegeln bei Hermanus auch immer Emotionen.

Dass sich der Protagonist nicht in seinen Kopf schauen lässt, schafft Distanz. Das erschwert die Identifikation mit ihm – und das, obwohl er seit seiner Kindheit nur Ablehnung, Verachtung und Gewaltandrohung für seine Sexualität erfahren hat und nun beim Militär körperlich und geistig gebrochen wird, was Hermanus schonungslos in Szene setzt. An seinen Gefühlen nehmen die Zusehenden trotzdem Anteil. Zum einen, weil der Hauptdarsteller Kai Luke Brummer auch ohne große Worte und Gesten auskommt; weil er alles über einen Gesichtsausdruck und einen Blick vermitteln kann. Zum anderen, weil auch der Regisseur auf große Gesten verzichtet und vieles geschickt zwischen den Zeilen erzählt. Auch das Ende bleibt in der Schwebe. Es lässt sich negativ wie positiv interpretieren, als bittere Bilanz oder als Hoffnungsschimmer.

Fazit: Oliver Hermanus' vierter abendfüllender Spielfilm, der 2019 bei den Filmfestspielen von Venedig gezeigt wurde, ist ein feinfühliges Drama über eine unmögliche Liebe beim südafrikanischen Militär in den frühen 1980ern. Der Regisseur schreckt nicht davor zurück, die äußeren Verletzungen während der Grundausbildung schonungslos ins Bild zu rücken. Für die inneren Verletzungen seiner Hauptfigur findet er mitunter metaphorische Einstellungen. Auch wenn die Identifikation mit dem verschlossenen Protagonisten schwerfällt, nimmt dessen Darsteller das Publikum durch sein Spiel für sich ein.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.