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Kritik: The Dissident (2021)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Dass Saudi-Arabien einen kritischen Journalisten in einer Auslandsvertretung des Landes einfach umbringen lassen könnte, war vor dem 2. Oktober 2018 schlicht unvorstellbar. Der Saudi-Araber Jamal Khashoggi wollte an diesem Tag im Konsulat in Istanbul Scheidungsdokumente abholen, um seine türkische Verlobte Hatice Cengiz heiraten zu können. Doch sie wartete vor dem Konsulat vergeblich auf seine Rückkehr. Der mit dem Oscar für seinen Dokumentarfilm "Ikarus" ausgezeichnete Regisseur Bryan Fogel schildert anhand des Beweismaterials türkischer Behörden, wie Khashoggi Opfer eines staatlich geplanten Mordes wurde. Auch geht er den Hintergründen nach, die zur Tat führten, für die der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman jegliche Verantwortung abstreitet. Dass in diesem Fall, der international hohe Wellen schlug, noch nicht das letzte Wort gesprochen ist, belegt die Anzeige wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die die Organisation "Reporter ohne Grenzen" gegen Mohammed bin Salman im März 2021 beim Bundesgerichtshof eingereicht hat.

Fogels Film ist dokumentarisch im Wortsinn, er verdankt seine Qualität einer hervorragenden Recherche, relevanten Gesprächspartnern und der als Kernstück dienenden Abschrift heimlicher Aufnahmen aus dem saudi-arabischen Konsulat. Der türkische Geheimdienst überließ sie den Ermittlern. Sie fördern grauenhafte Details des Mordes und Dialoge der Täter zutage. Die nichtlineare Erzählung Fogels springt zwischen den Mordermittlungen und der Biografie Khashoggis, besonders in seiner Zeit als Regimekritiker, hin und her. Das sorgt für große Spannung, die sich mit einem Thriller messen kann.

Fogel spricht unter anderem mit dem Oberstaatsanwalt von Istanbul, Irfan Fidan, und dem früheren CIA-Direktor John O. Brennan. Neben Khashoggis Verlobter kommen auch einige Freunde zu Wort, vor allem aber der studentische Aktivist Omar Abdulaziz aus Montreal, der über den Kampf erzählt, den er mit Unterstützung Khashoggis in den sozialen Medien gegen die saudi-arabische Propaganda führte. Wie eine autoritäre Regierung den politischen Diskurs in den sozialen Medien mit unlauteren Mitteln zu steuern versucht, wird an diesem Beispiel sehr drastisch vor Augen geführt. Interessant ist aber auch zu erfahren, dass die saudische Herrscherfamilie unter Journalismus nichts anderes als Hofberichterstattung versteht. Kritische Stimmen dürfen daher nicht auf Duldung hoffen.

Fazit: Bryan Fogel schildert in seinem spannenden Dokumentarfilm, wie und warum der saudi-arabische Journalist Jamal Khashoggi 2018 im Konsulat seines Landes in Istanbul ermordet wurde. Hochkarätige Gesprächspartner und aufrüttelndes Beweismaterial stützen die Annahme, dass der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman selbst als starker Mann der Regierung Drahtzieher des Verbrechens war. Der hervorragend recherchierte Film präsentiert auch interessante Hintergründe zur Rolle der Medien in Saudi-Arabien und wie die dortige Regierung die Meinungsbildung im Internet zu steuern versucht.





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