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Kritik: Silver Skates (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Manchmal treibt das Kino seltsame Blüten. Ein Kostümfilm, der fast ausschließlich auf dem Eis spielt, klingt nach einer Schnapsidee. Und wenn der Regisseur, der zuvor Musik- und Werbevideos gedreht hat, damit sein Debüt gibt, lässt das befürchten, dass die Geschichte und die Figuren schönen Hochglanzaufnahmen geopfert werden. Doch was Mikhail Lokshin in seinem ersten abendfüllenden Spielfilm auf die Leinwand zaubert, sieht nicht nur vorzüglich aus, es ist auch klug erzählt, vor allem aber unterhält es.

Das Kinderbuch "Hans Brinker oder Die silbernen Schlittschuhe" der amerikanischen Schriftstellerin Mary Mapes Dodge diente dem Film als lose Vorlage. Der im Original 1865 veröffentlichte Roman spielt in den Niederlanden. Drehbuchautor Roman Kantor hat die Geschichte nach St. Petersburg kurz vor den Wechsel zum Jahr 1900 versetzt und aus zwei jugendlichen Geschwistern, die mit ihren Schlittschuhen ein Rennen gewinnen wollen, einen jungen Mann gemacht, der Geldbörsen und Herzen stiehlt.

Die Übertragung funktioniert prächtig und gibt Kantor die Gelegenheit, von Umbrüchen zu erzählen. Die Moderne lässt sich nicht mehr aufhalten. Mit der Elektrifizierung werden Berufe wie Nachtwächter obsolet, und Automobile lösen Pferdekutschen ab. Frauen drängen an die Universitäten und damit auf Gleichberechtigung. Die Arbeiter begehren gegen die herrschende Klasse auf, worauf die Polizei mit neuer Ausrüstung und neuen Methoden reagiert. Und wenn die Diebe auf den zugefrorenen Flüssen gegen die Reichen in ihren Palästen wettern, dann kann das auch als Kritik am gegenwärtigen Machthaber und seinen Palästen (die ihm auf dem Papier freilich nicht gehören) verstanden werden.

Am erstaunlichsten an "Silver Skates" ist, dass all das so geschmeidig ineinandergreift. Lokshins Debüt ist Kostümfilm, Sittengemälde, Krimi, Komödie und Romanze zugleich. Für ein ernsthaftes Drama bleibt der Film zwar zu oberflächlich, dafür unterhält er ungemein. Das Ensemble spielt umwerfend, die Stunts sind spektakulär, Ausstattung und Aufnahmen opulent. Ein Film wie eine Jahrmarktsattraktion, der bei all seinen Schauwerten zwischen den Zeilen aber deutlich mehr bietet als seine amerikanischen Verwandten.

Fazit: Regisseur Mikhail Lokshin bietet in seinem Debütfilm eine ebenso seltsame wie amüsante Mischung. "Silver Skates" ist Kostümfilm, Sittengemälde, Krimi, Komödie und Romanze zugleich. Umwerfend gespielt, sehenswert choreografiert, opulent ausgestattet und in Szene gesetzt, kurzum: beste Unterhaltung.




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