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Der weiße Tiger
Der weiße Tiger
© Netflix

Kritik: Der weiße Tiger (2021)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der Journalist und Auslandskorrespondent Aravind Adiga hatte als Schriftsteller aus dem Stand Erfolg. Sein Debütroman "Der weiße Tiger" gewann 2008 den renomierten Booker Prize. Dass der Roman verfilmt werden würde, war nur eine Frage der Zeit. Adigas Blick auf sein Heimatland (es ist der Blick eines hervorragend Ausgebildeten, der als Jugendlicher mit seiner Familie nach Australien emigrierte, später in New York studierte und als Journalist nach Indien zurückkehrte) war schlicht zu entwaffnend, um nicht adaptiert zu werden. Schon der Roman ist ganz großes Kino.

Der grandiose Kunstgriff des Romans wie seiner Verfilmung ist die Erzählperspektive. Der Icherzähler Balram Halwai (Adarsh Gourav) adressiert das Publikum nicht direkt. Er schreibt eine E-Mail an Chinas Ministerpräsidenten Wen Jiabao, der Indien besucht und den Balram gern treffen möchte, um sich unter vier Augen zu unterhalten und dem Staatsmann Tipps zu geben. Dieser eingebaute erzählerische Filter ist ebenso simpel wie genial, ermöglicht er doch, sowohl einen unzuverlässigen Erzähler zu etablieren als auch die Perspektive vom abstiegsbedrohten Westen auf den aufstrebenden Osten zu verschieben.

Die Geschichte über einen indischen Jungen, der aus armen Verhältnissen aufsteigt, erinnert zwangsläufig an Danny Boyles Romanverfilmung und Oscar-Hit "Slumdog Millionär" (2008). Davon könnte "Der weiße Tiger" kaum weiter entfernt sein. Zum einen inszeniert Regisseur Ramin Bahrani sein Schelmenstück weitaus zurückhaltender als Boyle. Bei ihm drängen sich Kamera und Schnitt nicht in den Vordergrund. Auch sein Film sieht exzellent aus, doch die Bühne gehört dem Ensemble. Zum anderen ist diese Geschichte kein buntes Wohlfühl-Märchen, sondern eine schwarzhumorige Aufstiegs-Moritat.

Schauspiel und Dialoge sind ausgezeichnet. Mehr als einmal bekommen der Kolonialismus, der Westen und dessen Blick auf Indien ihr Fett weg. Auch gegen "Slumdog Millionär" teilt der Film einen Seitenhieb aus. Im Zentrum steht jedoch das indische Kastensystem, das metaphorisch wie konkret in seine Einzelteile zerlegt wird. Newcomer Adarsh Gourav trumpft in der Hauptrolle preisverdächtig auf und trägt diesen Film mühelos. Ihm gelingt das Kunststück, seinen im Kern verachtenswerten Charakter sympathisch zu machen.

Fazit: Diese Romanverfilmung ist großes Kino. Regisseur Ramin Bahrani legt ein schwarzhumoriges Schelmenstück über den Aufstieg in Indiens Kastensystem hin. Der Film ist pointiert geschrieben, exzellent gespielt und so facettenreich wie seine Hauptfigur: skrupellos, bitterböse, liebenswert und urkomisch.




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