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Ma Rainey's Black Bottom
Ma Rainey's Black Bottom
© Netflix

Kritik: Ma Rainey's Black Bottom (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Ma Rainey ist eine frühe Legende der professionellen Bluesmusik, zu deren Band zeitweise auch Louis Armstrong gehörte. Das Drama, das ein Schlaglicht auf ihr Selbstverständnis wirft, beschränkt sich auf einen Nachmittag im Sommer 1927. Der Regisseur George C. Wolfe ("Das Lächeln der Sterne") hat es nach dem gleichnamigen Bühnenstück von August Wilson inszeniert. Die Handlung findet als eine Art Kammerspiel zu großen Teilen in den kargen, stickig wirkenden Probe- und Aufnahmeräumen einer Chicagoer Plattenfirma statt. In diese Stadt kamen, wie ein Filmtext besagt, zu Anfang des 20. Jahrhunderts über 100000 Afroamerikaner aus dem tiefen Süden. Die Erlebnisse Ma Raineys und ihrer Band werden also im Kontext einer Epoche betrachtet, in der viele Schwarze beseelt von der Hoffnung waren, zumindest in Teilen des Landes am amerikanischen Traum teilhaben zu können.

Doch auch im Norden stoßen die Afroamerikaner auf ungeahnte Barrieren. Selbst Ma Rainey trägt schwer daran, dass die Weißen – hier am Beispiel ihres Managers und des Plattenproduzenten – sie als Mensch kaum wahrnehmen und herumschubsen wollen. Der Film setzt der selbstbewussten Sängerin ein Denkmal, die mit ihrem Auftreten auch den Rassismus bekämpfte. Und er führt beispielhaft vor, wie die weißen Unternehmer vom Talent schwarzer Künstler profitierten. Das wird hier besonders im Fall Levees deutlich, dem jungen Widersacher Ma Raineys, der das Whitewashing in der Musikbranche erlebt.

Der 2020 verstorbene Chadwick Boseman bringt in seiner letzten, oscarnominierten Rolle die innere Zerrissenheit des scheinbar selbstsicheren Musikers zum Vorschein, der zwischen Lebenshunger und schwerer Traumatisierung pendelt. Ebenfalls für einen Oscar nominiert, spielt Viola Davis ihre Ma Rainey als eine Art Naturgewalt, sehr ernst, nicht um Sympathie buhlend und uneitel. So trägt sie dicken, wie achtlos hingeschmierten Lidschatten, der neben den prächtigen Kostümen Ma Raineys Eigenwilligkeit betonen soll. Der Film bekam einen Oscar für Bestes Make-up und Beste Frisuren, sowie einen zweiten für das Beste Kostümdesign. Nicht nur bei Ma Raineys Make-up wird deutlich, wie eigenwillig der Film seine Mittel wählt. Zum Beispiel will er auch die Doppelnatur des Blues als Musik des Leids und Trostes, der Klage und Heilung in den Gesprächen spiegeln, welche die Band mit und ohne Ma Rainey führt. Es wird gestritten, gescherzt – aber den langgedehnten Dialogszenen geht der Schwung aus. Wenige Male springt die Kamera unvermittelt nach draußen, wo der Verkehr braust. Dann kehrt sie zurück und die Enge des Studios wirkt noch drückender.

Fazit: Das von George C. Wolfe inszenierte Drama hebt allzu sehr hervor, dass es von einem Theaterstück abstammt. Während einer Plattenaufnahme im Chicago des Jahres 1927 kreisen die wortreich ausgetragenen Konflikte zwischen der berühmten Bluessängerin Ma Rainey, ihrer Band und zwei weißen Vertretern der Musikindustrie um künstlerische Selbstbehauptung in einer rassistischen Gesellschaft. Viola Davis und Chadwick Boseman beeindrucken in den Hauptrollen, aber der Inszenierung fehlt es an Schwung.




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