oder

Kritik: Pieces of a Woman (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Manche Filme sind klein und unscheinbar und gerade deshalb großes Kino. "Pieces of a Woman" zählt dazu. Dieses Drama bedarf keiner Millionen Dollar teuren Schauwerte, um einem den Atem zu rauben. Blicke, Gesten, eine allgemeine Sprachlosigkeit genügen. Wo zeitgenössische Blockbuster auf Spektakel setzen, da setzt dieser Film auf Intimität. Das Überwältigungspotenzial ist dasselbe. Die Inszenierung ist so hautnah, so offen und ehrlich, dass die Qualen, die körperlichen und die seelischen, beim Zusehen schmerzen. Eigentlich hätte man das seinem Regisseur Kornél Mundruczó und Drehbuchautorin Kata Wéber gar nicht mehr zugetraut.

"Pieces of a Woman" ist der erste englischsprachige Film des Kreativteams, das auch privat gemeinsame Wege geht. Und ein Erlebnis aus ihrem Privatleben ist es, das diesen Film so erdet. Das Drama basiert auf einem Theaterstück, das Weber nach einer Fehlgeburt geschrieben hat. Die zwei zuvor gedrehten Filme "Jupiter's Moon" (2017) und "Underdog" (2014), die die zwei Ungarn international bekannt machten, waren hingegen wilde Kreuzungen aus Politparabel und Genrekino und schreckten vor abgehobenen Bildern nicht zurück. Davon ist in ihrem US-Debüt fast nichts mehr geblieben. Das Politische ist dem Privaten gewichen, das allenfalls an den Rändern politisch ist. Die Metaphern sind noch da, aber nun ganz fein und nicht mehr mit dicken Pinselstrichen auf die Leinwand aufgetragen. Und die Kamera durchmisst nach wie vor behände, in langen ungeschnittenen Einstellungen die Räume. Nur der Mann dahinter heißt nicht länger Marcell Rév, sondern Benjamin Loeb.

Dessen Arbeitsgerät ist ganz dicht dran und drängt sich doch nie in den Vordergrund, wenn die Handlung nach einer kurzen Exposition ihren ersten und den höchsten Höhepunkt erreicht. Emotionaler wird es nach diesem Auftakt nicht mehr werden. Ungeschnitten sind wir dabei, wenn bei der Hausgeburt von Marthas (Vanessa Kirby) erstem Kind etwas schiefgeht, wenn die Hebamme Eva (Molly Parker) einen Moment zu lange zögert, ob sie den Notarzt rufen soll und wenn Marthas Partner Sean (Shia LaBeouf) den eintreffenden Sanitätern viel zu dünn bekleidet auf der herbstkalten Straße entgegeneilt. Zurück ins Haus muss Loebs Kamera gar nicht mehr. Wir wissen längst, wie es um das Neugeborene steht. Diese ersten 23 Minuten sind so immersiv, wie es sonst nur Actionfilme vermögen.

Wie knüpft man an einen solchen Schockmoment an – als Mutter, als Partner, aber auch als Drehbuchautorin? Martha, von Vanessa Kirby bis zur Selbstauflösung gespielt, tut, was viele in ihrer Situation tun: Sie macht scheinbar ungerührt weiter, geht zur Arbeit, verfällt in alte Routinen und schiebt ihre Trauer beiseite. Sean kommt damit nicht klar. Nach Jahren der Abstinenz fängt er wieder an zu trinken, nimmt Drogen, geht fremd. Martha verschließt sich, trauert innerlich. Bei Sean muss alles nach draußen. Und Kata Wéber tut gut daran, all diesen scheinbar banalen Alltag einfach so aufzuschreiben. Alles andere, etwa ein emotionaler Höhepunkt im letzten Akt, hätte sich falsch, hätte sich künstlich angefühlt.

Der ersten emotionalen Explosion kann gegen Ende keine weitere mehr folgen. Folgerichtig implodieren mit dem Verlust ihres Kindes nach und nach die Gefühle zwischen Martha und Sean und letztlich auch die Handlung des Films. Wie das Gewässer, über das Sean eine neue Brücke baut, plätschert sie dahin und läuft einfach aus. Dem Brückenbauer Sean gelingt es nicht, eine Brücke zurück zu seiner Partnerin zu schlagen. Die Resonanz stimmt nicht mehr, bis die Schwingungen das Beziehungsgebäude irgendwann zum Einsturz bringen. Und doch passt das Bild des eingeblendeten Baufortschritts, das die Handlung zeitlich strukturiert, auch im übertragenen Sinn, weil Martha kurz vor Schluss eine Brücke zu Eva baut.

Es genau so und nicht anders zu erzählen, ist mutig, wie dieser Film insgesamt voll mutiger Entscheidungen und unscheinbarer, aber brillanter Momente ist. Da ist etwa die Szene, in der Martha Sean zum Flughafen bringt. Während der totenstillen, nur von Howard Shores traurigen Klassik-Klängen getragenen Fahrt keimt in uns Zusehenden kurz die Hoffnung, Martha könnte mit aus dem Wagen steigen und gemeinsam mit Sean für ein paar Tage nach Seattle reisen, wie er es vorgeschlagen hat. Doch sie bleibt sitzen, und er verschwindet für immer aus ihrem Leben. Ohne ein Wort des Abschieds, ohne sich umzudrehen, einfach so. Großartig!

"Pieces of a Woman" ist einer der übersehenen Filme des Jahres. Zwar wurde Vanessa Kirby für ihre Leistung für zahlreiche Preise, darunter ein Golden Globe und ein Oscar, nominiert. Gerade bei der 93. Oscarverleihung hätten es aber mehr Nominierungen als nur die für Kirby sein dürfen, ja müssen. Kirbys Schauspielkollegen Shia LaBeouf und Ellen Burstyn hätten eine Nominierung ebenso verdient gehabt wie Mundruczós Regie, Wébers Drehbuch, Loebs Kamera, Shores Musik und der Film an sich. Vielleicht ist das Drama dafür schlicht zu klein und unscheinbar. Ein Film, der erst lange nach dem Verlassen des Kinosaals in einem wächst.

Fazit: "Pieces of a Woman", der erste englischsprachige Film von Regisseur Kornél Mundruczó und Drehbuchautorin Kata Wéber, ist ein kleines Meisterwerk. Ein Drama über den Verlust eines Kindes und den Umgang mit Trauer, das seinem Publikum emotional alles abverlangt, ohne seine Figuren darüber zu verraten. Ein Film voll kluger Einfälle und brillanter Momente, die in dieser Kritik nur ansatzweise wiedergegeben werden konnten. Ein kleiner und unscheinbarer Film und gerade deshalb großes Kino.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.