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Im Feuer - Zwei Schwestern
Im Feuer - Zwei Schwestern
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Kritik: Im Feuer - Zwei Schwestern (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der Film von Daphne Charizani lief bei der Berlinale 2020 in der Sektion "Perspektive Deutsches Kino" und startet nun regulär im Kino. Es ist keine leichte Kost, die die Regisseurin in ihrem 90-minütigen Werk präsentiert: Vom griechischen Flüchtlingslager geht es in die deutsche Großstadt und von dort direkt an die kurdische Front, wo sich tapfere Kriegerinnen dem IS entgegenstellen. Rojda ist überall mittendrin und zwischen den Fronten, da sie nicht (mehr) weiß, wo sie eigentlich hingehört: Die Erzählungen ihrer Mutter vom Krieg und den vielen Toten in der Heimat haben sie nie berührt, da zu weit weg und keine Relevanz für ihr aktuelles Leben. Nun, als sie die Massengräber sieht, mit dutzenden Menschen, von denen eine ihre Schwester sein könnte, spürt sie erstmals am eigenen Leib das Grauen, welches Krieg verbreitet.

"Im Feuer" ist in erster Linie ein Porträt, eine Charakterstudie einer jungen Frau, die ihren Platz in der Welt sucht, hervorragend und glaubwürdig dargestellt von Almila Bagriacik. Es ist auch ein politischer Film, der einen oft vergessenen Konflikt in den Mittelpunkt stellt: Den Kampf der Kurden für Autonomie und einen eigenen Staat. Und den noch lange nicht beendete Kampf gegen islamistische Gruppierungen wie den IS.

Besonders interessant ist aber der Aspekt der "Identität", der auf verschiedenen Ebenen angerissen und dargestellt wird: Wie kommt eine junge Frau mit kurdischen Wurzeln auf die Idee, sich dem deutschen Heer anzuschließen - und im Ernstfall für ihre neue Heimat in den Krieg zu ziehen, vor dem sie einst geflohen war? Warum zieht ihre Schwester, lange Zeit auch in Deutschland aufgewachsen, den gefährlichen Kampf in der und für die alte Heimat der Möglichkeit vor, in diese Sicherheit zurückzukehren? Diese Fragen stellt "Im Feuer", ohne sie oder die Antworten darauf zu bewerten: Rojda und Dilan sind wie zwei Seiten einer Medaille, die das Schicksal durch die Luft gewirbelt hat. Niemand weiß, wo sie landen wird. Ihre Identitäten sind durch ihre Sozialisation geprägt, durch ihr Umfeld, und doch von persönlichen Wünschen getrieben und bestimmt.

Charizanis Inszenierung ist ruhig, zurückgenommen, nimmt vielfach das Gesicht, die Mimik Rojdas in den Fokus, an der sich ihr Seelenzustand ablesen lässt, da sie nicht viel spricht. Alles in allem ist daran nichts auszusetzen, nur zwei kleine Kritikpunkte sollen angebracht werden: Gegen Ende ergeben sich einige Unklarheiten bezüglich des Drehbuchs, Rojdas Vorgesetzten im Camp im Irak sehen wir, wie er bei einer bedeutenden, finalen Szene zugegen ist - Details sollen hier nicht verraten werden -, im Epilog scheint er davon nichts mehr zu wissen. Und: "Im Feuer" hätten 30, 40 Minuten mehr nicht geschadet, um die angerissenen Konflikte noch besser und ausführlicher darzustellen, denn so wirkt alles etwas knapp. Aber das ist ja eigentlich auch ein Kompliment.

Fazit: Gelungenes Drama, dem es gelingt, sowohl das Grauen des Krieges, als auch Konflikte um Identität treffend darzustellen. Besetzt mit einer hervorragenden Hauptdarstellerin und sehr realistisch. Aber leider etwas zu kurz. Trotzdem: Klare Empfehlung!




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